The Project Gutenberg EBook of Henriette Goldschmidt. Ihr Leben und ihr
Schaffen by Josephine Siebe, Johannes Prfer



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Title: Henriette Goldschmidt. Ihr Leben und ihr Schaffen

Author: Josephine Siebe, Johannes Prfer

Release Date: May 5, 2013 [Ebook #42651]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HENRIETTE GOLDSCHMIDT. IHR LEBEN UND IHR SCHAFFEN***





  [Illustration: Phot. a. d. Jahre 1919]





                        *Henriette Goldschmidt*

                       Ihr Leben und ihr Schaffen

                            Dargestellt von
                           _Josephine Siebe_
                                   und
                          _Dr. Johannes Prfer_
                           Oberstudiendirektor

_Mit 2 Bildern_


Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H. in Leipzig
1922





           Otto Wigand'sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.





  [Illustration: Henriette Goldschmidt
  im Schillerjahr 1859]





                                 INHALT.


Inhalt
Zur Einfhrung
Henriette Goldschmidts Leben
   1. Jugend
   2. Die Bewegung der vierziger Jahre
   3. Die ersten Ehejahre in Warschau
   4. Die ersten Jahre in Leipzig
   5. Schaffensjahre
   6. Ausklang
Henriette Goldschmidts Schaffen
   1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit
      a) Anfnge der Frauenbewegung
      b) Friedrich Frbel
   2. Ihr Wirken fr die Kindergartensache
      a) Petition an die deutschen Regierungen
      b) Streitschrift gegen K. O. Beetz
   3. Ihre Reform der Frauenbildung
      a) Kindergrtnerinnen-Ausbildung
      b) Allgemeine Frauenbildung
Die Nachwirkung und Fortentwicklung ihrer Ideen an der Leipziger
Hochschule fr Frauen
Anmerkungen
Bemerkungen zur Textgestalt





                             ZUR EINFHRUNG.


Als der Allgemeine Deutsche Frauenverein, schon mitten in den Wirren des
Weltkrieges, seine Fnfzigjahrfeier in Leipzig beging, sa unter den
Ehrengsten auch eine kleine alte Dame. Silberweie Lckchen - die
Haartracht einer vergangenen Zeit - umrahmten die Schlfen, und unter dem
schwarzen Spitzentuch blickten die groen, klugen Augen klar und gtig auf
das Treiben umher, anteilnehmend und doch schon von der Warte des hohen
Alters aus das Leben berschauend. Es klangen groe, mutige Worte in den
Saal hinein; Worte von Erreichtem und zu Erhoffendem, auch Worte von
deutschem Siege, deutscher Kraft, und vielleicht war in dem bervollen
Saal niemand so tief, fast prophetisch klar von der Angst um das Vaterland
erschttert, das Land, das sie seit ihrer Kindheit mit Bewutsein liebte,
wie die alte Frau _Henriette Goldschmidt_. Sie, die einst in der frhesten
Jugend des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins mit ihren, ihr lngst in
die unbekannten Weiten vorangegangenen Genossinnen, Luise Otto-Peters und
Auguste Schmidt, ffentlich fr die Rechte der Frauen aufgetreten war,
hrte nun, wie im Krieg laut der Ruf nach der Mithilfe der Frauen ertnte.
Aus den wenigen von einst waren viele geworden, eine gewaltige Masse, und
die alte Frau sah Erreichtes, sah die Frauen, sich ihrer Bestimmung
bewut, auf ihrem Posten stehen, sie sah aber auch das um die
Jahrhundertwende aufgerichtete Ideal eines Frauenweltbundes in Scherben am
Boden liegen. Wrde sich die kraftvolle Hand finden, die Zerbrochenes,
Zertrmmertes wieder zusammenfgte?

Es gehrt heute weniger Mut dazu, rechts oder links den steilen Gipfel zu
besteigen und Kampfrufe ber die Masse hinauszuschreien, als ihn vor mehr
als einem halben Jahrhundert Henriette Goldschmidt aufbringen mute, die
aus dem wohlumhegten Frieden des Hauses hinaustrat und zuerst die Frage
stellte: "Wir haben Vter der Stadt, wo bleiben die Mtter?"

Damals von der Gleichberechtigung der Frau im ffentlichen Leben zu
sprechen war eine Tat; die Frauen aber, die zuerst diese Tat ausfhrten,
hatten im Grunde wohl viel weniger das stolze Bewutsein auf einer hohen
Lebenswarte zu stehen, wie es dann viele ihrer Nachfolgerinnen bei
geringeren Leistungen aufgebracht haben. Sie begannen ihr Werk, weil ihr
innerstes Fhlen und Erkennen sie dazu trieb, sie standen im Bann einer
groen, sie erfllenden Idee, und so wurden sie Pionierinnen in jener
unbewuten Sicherheit, die das Kind leicht auf einer lose schwankenden
Brcke ber den Abgrund schreiten lt.

Eine solche Pionierin, die bei aller Kraft des Wollens, unverrckt ein
hohes Ziel vor Augen, doch immer jene Kindlichkeit des Wesens wahrte, die
sie Abgrnde nicht sehen lie, war Henriette Goldschmidt. Sie blieb bis
ber das biblische Alter hinaus eine Kmpferin und wurde dann mehr und
mehr die weise, gtige Lebensberwinderin, die noch mit zitternder Hand
nach Lessing das Wort niederschrieb: "Mte, so lange ich das leibliche
Auge htte, die Sphre desselben auch die Sphre meines inneren Auges
sein, so wrde ich, um von dieser Einschrnkung frei zu werden, einen
groen Wert auf den Verlust des ersten legen."

Die Schwere des hohen Alters machte sich auch ihr fhlbar. Das Leben
rauschte immer lauter, drngender an ihr vorbei; fremde Melodien tnten
auf, die Menschen redeten nicht mehr die Sprache ihrer Jugend, und der
Geist von Weimar wurde in Deutschland von anderen Stimmen bergellt, aber
Henriette Goldschmidt fand doch immer in der anmutigen Beweglichkeit ihres
Geistes die Kraft, Verbindungswege herzustellen, sie fand das weise
Lcheln des "Alles verstehen heit alles verzeihen." Bis zuletzt aber
blieb ihr auch das ungeteilte Interesse an dem Werk ihres Lebens, dem
Leipziger Verein fr Familien- und Volkserziehung und seinen Anstalten.
Und bis zur letzten Bewutseinsstunde zehrte an ihr tief die trauernde
Sorge um das Vaterland.

Das Leben dieser Frau ist von einer seltenen Geschlossenheit; es geht die
ganz klare Linie folgerichtiger Entwicklung hindurch; es gibt keine
Brche, kein sprunghaftes Hinundher in ihren Anschauungen, keine
Seitenpfade und Irrwege. Wir begegnen in diesem Leben nicht
unbegreiflichen Verwirrungen des Gefhlslebens, es quellen nicht pltzlich
aus dunklem Unterbewutsein seltsame Lebensuerungen und Empfindungen
auf, und schon das junge Mdchen findet ganz klar den Weg heraus aus der
Verstrickung, in die es sein Familiensinn fr kurze Zeit hineingetrieben
hatte.

Wollte jemand diesen Lebensweg bildlich darstellen, er mte die lange
gerade bergansteigende Landstrae whlen, ohne Seitenwege und Biegungen,
Baumschatten und Sonnenflecke darber und in der Ferne das hohe, helle,
klare Ziel: die geistige Befreiung der Frauen, die Erziehung der Frau zum
ttig bewuten Glied der Volksfamilie, die innerliche Vershnung dieser
Volksfamilie und das berbrcken sozialer Unterschiede durch den Einflu
und die Teilnahme der Frau am ffentlichen Leben.

Ehrenbezeigungen, wie Ordensverleihungen vermochten die berzeugte
Demokratin, die alte Achtundvierzigerin nicht zu beeinflussen und den Weg
des neuen Deutschland ging sie innerlich nicht mit, und vielleicht sah sie
gerade darum von Anfang, von der Stunde an, da England in den Weltkrieg
gegen Deutschland eintrat, so klar, da Deutschland unterliegen wrde. Bei
allem Siegesjubel der ersten Zeit blieb immer ihr Wort: "Ach, ich will
mich ja so gern irren!"

Bei der groen Schrfe ihres Verstandes, ihrem philosophischen Erkennen
des Lebens war Henriette Goldschmidt immer die Frau voll Anmut und
Kindlichkeit, sie besa eine Grazie des Geistes, die immer ohne Schrfe
das richtige Wort fand. Sie sah aber daher auch das Dunkle, Lauernde am
Wege nicht; ein Ja war ihr ein Ja, ein Nein ein Nein, und sie hat es nie
verstanden, da im Handumdrehen aus Neinsagern Jasager werden konnten. Und
wohl darum ist sie auch mitunter verkannt worden, auch von ihren
Mitarbeiterinnen in der Frauenbewegung; ihr unverrckbares Zielsehen wurde
nicht immer gewrdigt. Sie suchte immer die Einheit in der
Mannigfaltigkeit, nach der Lehre ihres Meisters Friedrich Frbel. Sie aber
war selbst eine Einheit.

Leider sind die Aufzeichnungen, die Frau Henriette Goldschmidt
hinterlassen hat, nur lckenhaft. Sie hatte nie das Gefhl der
Verpflichtung, ber jeden Lebensabschnitt der Nachwelt gewissermaen
Rechenschaft abzulegen. Sie lebte dem Tag und seiner Arbeit, lebte mit
groer Leidenschaft ihrem Ziel, und die Vergangenheit war ihr goldenes
Buch, das sie selbst, dank ihres glnzenden Gedchtnisses, zu jeder Stunde
aufschlagen konnte, sich heiter daran freuend oder nachdenklich darber
sinnend. Selbst schrieb sie darber: "Ich bin hufig von lteren und
jngeren Freunden, denen ich im geselligen Beisammensein Einzelheiten aus
meinem Leben mitteilte, gebeten worden, meine Lebensgeschichte zu
schreiben, doch konnte ich mich nicht dazu entschlieen. In den Jahren
lebensvoller Bettigung war es nicht nur der Mangel an Zeit, es war
vielmehr der Mangel an Selbstbewutsein. Durch meine ffentliche
Wirksamkeit sind biographische Notizen in Zeitungen und Zeitschriften
gelangt, so da ich es fr berflssig hielt, meine Persnlichkeit noch
ffentlich vorzustellen."

ber manche Zeit ihres Lebens, so ihre Anteilnahme an der deutschen
Frauenbewegung, sind schon Niederschriften vorhanden, und es ist nicht der
Zweck dieses kurzen Lebens- und Arbeitsbildes, zu schnell Festgelegtem
vielleicht, eine neue Beleuchtung zu geben, vielmehr soll hier das ganz
eigene persnliche Wirken Henriette Goldschmidts, besonders, wie sie neben
ihrer Pionierarbeit in der deutschen Frauenbewegung sich ihren eigenen
Wirkungskreis schuf, in den zwei Abschnitten "Leben" und "Schaffen"
dargestellt werden.

Aus Niedergeschriebenem, Erzhltem, Erinnerungen, gefhrten Gesprchen und
flchtig hingeworfenen Worten ist dieses kurze Lebensbild gewoben. Es
zeigt nicht die modernen grellen Linien derzeitiger Gewebe, der Hauch der
vergangenen, der wirklich guten alten Zeit ruht ber diesem Leben, denn
seine Wurzeln hingen noch in der klassischen Zeit. Der Geist von Weimar
war es, der dieser Frau die Kraft und den Aufschwung gab, sich selbst zu
einer Persnlichkeit von ganz eigenartigem Geprge zu entwickeln. Dem
Geist von Weimar blieb sie ihr Leben lang treu, von ihm wich sie nicht um
eines Halmes Breite ab, und so lebte sie ihr inneres und in seiner
Einfachheit auch ihr ueres Leben in dem Lichte, das uns von Weimar
gekommen ist.






                       HENRIETTE GOLDSCHMIDTS LEBEN




                                1. Jugend.


Zwischen dem Weimar des Jahres 1825 und dem deutsch-polnischen Stdtchen
Krotoschin von damals, welche ungeheure, geistige Entfernung! In der
kleinen Provinzstadt sprten wohl nur wenige den Hauch des Geistes von
Weimar; es war ein richtiges Philisternestchen, in dem am 23. November
1825 Henriette Benas als sechstes Kind eines jdischen Kaufmanns geboren
wurde. Das wohlhabende Haus, in dem sie aufwuchs, war durch die khle
Strenge der unmtterlichen zweiten Frau des Vaters der hellen Wrme einer
echten Heimsttte beraubt worden. Es ist bezeichnend fr die geistige
Wertung des Fraueneinflusses in damaliger Zeit, da der geistig
hochstehende Vater, von dem die Tochter sagte, er htte seinen Kindern
"die Anregung fr die Auffassung der Lebensverhltnisse ber das ewig
Gestrige hinaus gegeben", die zweite Frau whlte, weil sie nicht lesen und
schreiben konnte, seinen fnf mutterlosen Kindern also eine frsorgliche
Mutter sein wrde, deren Geist nicht durch berflssige Lektre abgelenkt
werden wrde. Trotz ihrer Unbildung besa die Frau aber eine gewisse Wrde
des Wesens, sie war sich ihrer Stellung als Hausfrau bewut, und der
Haushalt mit allen seinen Verzweigungen nahm, nicht immer zur Freude der
Kinder, ihr ganzes Denken in Anspruch, und sie verlangte dies gleichfalls
von den heranwachsenden Tchtern. Henriette schrieb spter von dem Einflu
der Stiefmutter: "Leider war unsere Stiefmutter keine mtterliche Natur,
und wie alle Vorurteile genhrt und gestaltet werden durch die
Gedankenlosigkeit der Menschen, so wurde auch dies schwierige Verhltnis
der Stiefmutter durch liebevolle Verwandte und Freunde fr uns Kinder
unntig bedrckend gemacht. Es entwickelten sich nach und nach alle die
Unstimmigkeiten, die in solchem Verhltnis gang und gbe sind. Ich kann
nicht behaupten, da ich im Verkehr mit meiner Stiefmutter mich als
prdestiniert fr eine Schlerin Frbels betrachten kann, doch hatte das
Miverhltnis einen Kampf in mir erzeugt, der mein Wesen, vielleicht mein
Leben htte vernichten knnen."

Von ihren Vorfahren wute Henriette Goldschmidt-Benas nicht allzuviel; an
ihre eigne Mutter erinnert sie sich nicht mehr, sie war etwas ber fnf
Jahre alt bei deren Tode. Den tiefsten Eindruck hat auf ihr Kindergemt
das Schicksal ihres Grovaters gemacht. Sie schrieb von ihm: "Vor meinem
geistigen Auge steht mein Grovater so, wie er aus den Erzhlungen seiner
Frau und seiner Kinder hervortrat. Ich selbst lernte ihn infolge seines
frhen Todes nicht kennen. Er war in Krotoschin geboren, wurde, wie es
damals blich war, mit achtzehn Jahren verheiratet und entschlo sich,
seine Heimat, Frau und Kind zu verlassen, um sich eine umfassendere
Bildung zu verschaffen; seine einzigen Vorkenntnisse waren die des
hebrischen Schrifttums. Er wandte sich zuerst nach Berlin an Moses
Mendelssohn, den bekannten Philosophen ..... Mein Grovater suchte ihn auf
und erhielt durch seine gtige Vermittlung die Stelle eines Hauslehrers in
Fridericia in Dnemark. Im Hause eines begterten Glaubensgenossen, namens
Re, wurde er Lehrer des Hebrischen und blieb mehrere Jahre in dessen
Hause. Er nahm teil an dem wissenschaftlichen Unterricht seiner Schler
und hatte somit Gelegenheit, sich ein grndliches Wissen anzueignen. Ja,
bei einem Besuche des Knigs von Dnemark in Fridericia erhielt er den
Auftrag von der dortigen jdischen Gemeinde, den Knig in franzsischer
Sprache zu begren. Da es ihm schwer fiel, das Land und die
Verhltnisse, die ihn zum Manne gereift hatten, zu verlassen, ist
begreiflich, aber seine Frau war nicht zu bewegen, von Krotoschin
fortzugehen, und so mute er sich entschlieen, in seine ihm fremd
gewordene Heimat zurckzukehren."

Dieser Grovater, der in seinen letzten Lebensjahren immer wei gekleidet
ging, stand seiner Frau wie ein hheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht
vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder ber. Die
Gromutter selbst mit ihrer liebevollen Gte lebte noch lebendig in der
Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in
Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl
auch uerlich, denn noch in spteren Lebensjahren erinnerten die Greisin
selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter,
fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine
Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: "Ich
habe doch sonderbare Kinder!"

Da er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem
Wesen von dem seiner Mitbrger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewutsein.
Seine Tochter schildert ihn im Anschlu an den aus Kaufleuten bestehenden
jdischen Teil der Bevlkerung Krotoschins:

"Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschftslebens wenig zu,
er konnte sich nicht beschrnken, an den zwei Markttagen der Woche von den
Bauern Getreide zu kaufen und an den Mller zu liefern, er trat in
Beziehung zu Geschftshusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren
seine Unternehmungen als Kaufmann grozgiger Natur. Da seine Jugend in
den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit,
und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen
der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der beraus beschftigte
Kaufmann, mit wrmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere
Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die
Gemter ergriff."

Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen
ihr und der zehn Jahre lteren Schwester noch im frhesten Kindesalter
gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es
noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau
auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft
erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein groes schauspielerisches
Talent besessen, sie wute ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern
vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische
Erzhlungen von einer Reise nach - Breslau. Dann lebte noch ein greiser
Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig
Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: "Zu was brauche ich
mich zu sputen auf das, was mir so gewi ist."

Ganz frhe Kindheitserinnerungen knpften sich noch an einen Brand, bei
dem eine Anzahl Huser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie
selbst aus seinem gefhrdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er
in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen
Quartiere neue helle Heimsttten erstehen sah.

Sonst hatten sich ihr die frhen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches
spteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines
Gartens, in dem die Kinder fr wenige Pfennige so viel Beerenobst essen
durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten.
Es ist bezeichnend fr das Kindheitserinnern, da diese beiden zeitlich
auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den strksten Eindruck
hinterlassen haben.

Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie
war aber dennoch die Ursache, da die Greisin, schon fast neunzig Jahre
alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Erffnung der Hochschule fr
Frauen in Leipzig 1911 sandte nmlich der Direktor der Tchterschule in
Krotoschin einen Glckwunsch, verbunden mit einer Einladung zum
fnfundsiebzigjhrigen Jubilum der Schule, zu deren ersten Schlerinnen
die junge Henriette gehrt hatte. Sie schrieb davon spter nieder:

"Dieser Rckblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte
mir den Weg zum Bewutsein, den ich zurckgelegt. Nur einem inneren Drange
folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die
deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den
drftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in
einer, aus einer Klasse bestehenden Tchterschule, bin ich zur Grndung
einer Hochschule fr Frauen gelangt in einer der anerkanntesten
Kulturstdte des Vaterlandes.

Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine groe
Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natrlich nicht
ohne Einflu auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch
in Beziehung zu Mitschlerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten
Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Tchtern aus dem deutschen Beamten-
und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, da diese sich in
bevorzugter Stellung den jdischen Mitschlerinnen, also auch mir
gegenber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten
zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die
das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei
mir anwendete, sich aber berechtigt fhlte, sich von mir den gleichen
Gebrauch ihr gegenber zu verbitten. Ich war darber derartig entrstet,
da ich den Eintritt des Lehrers berhrte, so da er Zeuge des Streites
wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwhnt, da er sich meiner, der
Herausgeforderten, annahm und das junge Frulein von Soundso in seine
Schranken zurckwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer
Zeit und in Verhltnissen, in denen es als selbstverstndlich galt, die
Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persnlichkeitsgefhl, um gegen
solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!"

Das starke Gerechtigkeitsgefhl, das leidenschaftliche Temperament rissen
die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten uerungen hin. An den
Wortlaut des Streites mit einer Mitschlerin aus einer anderen
Gesellschaftsschicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene
aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in
der Klasse auf und ab, und stie von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und
jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: "Wem gelten
diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!" Die Szene machte einen tiefen
Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der
Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: "Du
wirst sehen, da ich nie mehr im Leben lachen werde." Sie hat dann
freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr
Alter sich bewahrt und pflegte spter lobend von einem Menschen zu sagen:
"Er hat so ein gutes Lachen."

brigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster
Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres
achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die
kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herber und
hinber tnte die Frage. "Jettchen, weit du noch? - Jettchen denkst du
noch an unseren schsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte
mit mehr "Gefiehl" spielen." Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute
alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.

Der groe Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten
bewuten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht ber ihrer Jugend,
ihr kam der Glanz von seinem frhe dahingegangenen Freund, von Schiller.
Dieser verklrte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis
zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb "ihr" Dichter. Als sie mit 94
Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere
Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genht werden mute, frchtete der
treue Arzt nach der Aufregung und dem groen Blutverlust Fieber. Ihre im
Hause wohnende jngere Freundin bernahm die Nachtwache, und als sie an
das Bett der Kranken trat, sah diese mit groem tiefen, aus schnen Weiten
kommenden Blick zu ihr auf und sagte: "Mein Kind, eben habe ich mir die
Ideale von Schiller vorgesagt, wie schn sind sie doch!"

Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht
kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjhrige fand sie den Weg zu ihm.
Da die Mutter Lesen abends bei Licht fr berflssig hielt, sa sie im
Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen,
das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich
hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit
den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine
Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme ber den Hof:
Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!

Ein so groes Verstehen der Werke unsrer schpferischen Pdagogen sie
spter als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit
der Jugend diente, auch einer unserer besten von den lteren
Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat,
so hielt sie doch lange Schillers Werke fr die geeignetsten
Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besa, brauche keine
anderen Bcher. Ihren drei Stiefshnen las sie in Krankheitstagen
besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjhrig, fragte sie
einmal: "Mutter, warum ist es denn Unrecht, da Don Carlos seine Mutter
liebt, ich liebe dich doch auch!" Die Begeisterung fr Schiller fand auch
bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fnf Jahre jngere
Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das
hochbegabte Mdchen teilte ihre geistigen Interessen frhe, whrend die
anderen Schwestern etwas auerhalb standen, die lteste hatte sehr frhe
geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank.
Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand
er sich manchmal zurckgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause
zu sein, nicht recht gewrdigt. Er klagte dann wohl: "Ich bin doch euer
einziger Bruder, den ihr habt."

In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten,
als die lteste Schwester, noch nicht dreiigjhrig, whrend einer
Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin
darber: "Meine Schwester hinterlie drei Kinder, deren jngstes noch bei
der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschttert, tiefer und
nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschpfen gestattet.
Mir, der nunmehr ltesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten
zu, whrend fr den Haushalt des Schwagers eine ltere Verwandte eintrat.
Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste
Lsung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter
ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschlu
seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschlo er
sich zu verzichten und trat in das Geschft meines Vaters ein. Wir lebten
in gutem geschwisterlichem Verhltnis miteinander und als er nach Ablauf
des Trauerjahres mit meinem Vater ber die Verbindung mit mir sprach,
sagte dieser: "Sie knnen ja mit meiner Tochter ber die Verbindung selbst
reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander."

Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die
verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren.
Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, da mein Gefhl fr die
Kinder sich nicht auf den Vater bertragen lie. Und so kmpfte ich in
jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel spter
erkannte. Es war ein Kampf des unbewuten Gefhlslebens, das sich zu
behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines
Lebens knnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der fr die
Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte."

Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge,
ungewhnlich reizvolle Schwgerin mitrauisch berwachte, war der tiefste
Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fhlte, von
ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich
mit aller Kraft dagegen; sie sprte es, nur der Mann, der ihrer eigenen
Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen lie,
konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon
mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des
Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte:
"Ihn zu berstehen half mir die revolutionre Bewegung der vierziger
Jahre, das Jahr 1848."




                   2. Die Bewegung der vierziger Jahre.


In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne
Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewhnliches, von
seinen Tchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl
der Spaziergnge gerade nicht gro war, gingen die beiden Mdchen
Henriette und Ulrike beinahe tglich die Landstrae entlang, die nach
Zduny fhrte. Den Reiz der groen Weite, die dem freien Blicke keine
Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden
Schwestern fanden daher ihren tglichen Weg einfrmig genug. Die junge
Ulrike rief da manchmal verzagt: "Und von hier aus soll man eine
Weltanschauung bekommen?"

Sie gab damit einer Sehnsucht Ausdruck, die ber das allgemeine
Mdchensehnen jener Tage weit hinausging. Aber in den Schwestern war
damals doch schon eine Weltanschauung im Werden, sie bildete sich an der
Bewegung der vierziger Jahre. In dem vterlichen Hause wurden viel
politische Gesprche gefhrt, und Henriette schrieb davon spter nieder:
"Das Jahr 1848 fand uns nicht unvorbereitet fr die Erkenntnis seiner
Bedeutung. Bereits im Jahre 1847 hatte Friedrich Wilhelm IV. das Patent
vom 3. Februar erlassen, durch welches die sonst einzeln tagenden Landtage
als vereinigter Landtag nach Berlin berufen wurden. Einige Rechte wurden
eingerumt, die ihm einen parlamentarischen Charakter geben sollten. Die
Verffentlichung der Reden der Abgeordneten war von weittragenden Folgen.
In Krotoschin, das keine Zeitung besa, wurde die Breslauer Zeitung jeden
Abend von der Post geholt und am anderen Morgen vom Vater am
Familientische vorgelesen. Wir hrten mit die Reden der damaligen
Abgeordneten Vincke, Beckerath, Hansemann u. a., und Begeisterung erfllte
uns fr die Redner. Die Verhandlungen betrafen meist Fragen, die auerhalb
der Sphre unseres Verstndnisses lagen - aber die Art der Behandlung
erhob sie in das Gebiet des allgemein Menschlichen, das auch politischen
Fragen nicht fehlt.

Das Hauptinteresse erregten natrlich die Verhandlungen ber die
Emanzipation der Juden. Das war eine Menschheitsfrage, die den Herzpunkt
unseres Fhlens und Denkens bezeichnete. Diese Frage wurde von den
freisinnigen Abgeordneten, losgelst vom konfessionellen, nationalen
Standpunkt, von dem ehemals noch ungekannten, neuesten Standpunkt, rein
menschlich behandelt. Vincke, der damals das Wort prgte: Von einem
christlichen Staat drfte man nicht reden, das hiee ein Haus bauen wollen
und die Steine dazu vom Mond holen. - Beckerath, der in schmerzlichem
Mitgefhl die Ungerechtigkeit schilderte, die die Juden seit Jahrhunderten
erlitten, - es waren unauslschliche Eindrcke, die diese Redner uns
gaben. Das war im Jahre 1847! In demselben Jahr lasen wir tglich einige
Stunden "Die Weltgeschichte von Rotteck und Welcker" ohne zu ahnen, wie
bald die Stimmen der Geschichte, der Zeit, in der wir lebten, sich
vernehmen lassen wrden."

In diese Zeit fiel eine Reise, die die junge Henriette als Begleiterin
ihres Vaters unternahm, die erste Strecke wurde im eignen Wagen
zurckgelegt, dann stiegen die Reisenden in die Postkutsche. Ein junger
Mann stieg in Schmiedeberg in Schlesien zu ihnen, und whrend der Vater
schlief, begann zwischen den beiden jungen Menschen ein seltsames
Wechselgesprch. Sie redeten nicht von der Sommernacht drauen, nicht von
dem, was sonst wohl junge Menschen zusammen plaudern, von dem Schreiben
sprachen sie, das Georg Herwegh an den Knig Friedrich Wilhelm IV.
gerichtet hatte nach dem Verbot seiner Schriften. Von dem, der die
Gedichte eines Lebendigen geschrieben, sprachen sie beide, von ihm, der
alle nach Freiheit sehnschtigen Herzen entflammt hatte. Drauen verging
die Sommernacht, der Vater schlief ruhig weiter, aber den jungen Menschen
schlugen die Herzen hei. Der Mann kannte die Gedichte auswendig, und da
erlebte die junge Henriette wieder einen Dichter ganz tief im Herzen, sie
rief endlich aus: "Htte ich doch die Gedichte!" und ihr Reisegefhrte,
glcklich, ihr diesen Wunsch erfllen zu knnen, legte ein schmales
Bndchen in ihre Hand. Davon schrieb noch spter die Greisin: "Ich darf
wohl sagen der 'Lebendige', dessen Wirkung auf seine Zeitgenossen eine
wahrhaft lebenerweckende war, hat kaum eine so bewegt, als mein junges,
nach Freiheit begehrendes Mdchenherz. Der Funken, der so schnell zndete,
hat whrend meines langen Lebens seine leuchtende und wrmende Kraft
bewahrt. Noch wenn ich nach Jahrzehnten mit meinem Manne durch Thringens
Wlder zog, marschierten wir nach dem Rhythmus des Herweghschen Liedes:

  "Eure Tannen, eure Eichen
  Habt die grnen Fragezeichen
  Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
  Nein, sie soll nicht untergehen!
  Doch ihr frhlich Auferstehen
  kostet eine Hllenfahrt!"

Ja, noch viel spter, als sie die 90 schon berschritten hatte, konnte die
Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger
Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefhrte?

In den Erinnerungen heit es von ihm: "Mein Reisegefhrte war Julius
Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war,
die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der spter als
der "rote Behrens" bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der
Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der
preuischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fnfziger Jahren
in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in
vollem Gange, so da er in sehr gedrckter Stimmung war und den Entschlu
gefat hatte, nach Australien zu gehen, den er spter auch ausgefhrt hat.
Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaen entsetzt ber
meine Bekanntschaft mit dem "roten Behrens", die allerdings eine Aufregung
nach sich zog. Man hatte nmlich bei ihm, dem politisch Gechteten, eine
Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich
auf eine Erkundigung eines Berichterstatters ber die Verhltnisse der
Provinz Posen fr die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz
unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger
Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte."

Mit den "Gedichten eines Lebendigen" als Reiseergebnis kehrte die junge
Henriette nach Krotoschin zurck. In dem kleinen Nest waren es mehr oder
weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort
wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. "Mein Vater,"
schrieb Henriette Goldschmidt, "empfand den Segen der Kultur, den die
preuische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848
ausbrach, fhlte er sich als preuischer Brger, ja - wir mssen im Geist
jener Zeit sagen, als preuischer Untertan." Da dies nicht buchstblich
zu nehmen ist, sehen wir daraus, da er sich einen
Majesttsbeleidigungsproze zuzog.

Der Anla war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen
Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich
Wilhelm IV. an Stelle des Mrz-Ministeriums berufen wollte. Er tat es
leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwgen,
war seine Sache nicht." Der Proze verlief ergebnislos im Sande, brigens
nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen ber
Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark
erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne
wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals
die Frauen keinerlei ffentliche Rechte hatten, muten sie schon die
Unterschriften von Mnnern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzhlt: "Da
wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom
Fenster aus alle vorbergehenden Mnner herein und baten sie, die Petition
zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und
sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen
Mnnerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie
scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie
aber sagte: Ihr knnt sie selbst scheuern, ich habe fr solche Sachen
keine Bedienung." Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies
Opfer fr ihre politische Meinung zu bringen. "Wir schrzten unsere Rcke
und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten
Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat
man auch Gliederschmerzen."

Die jungen Revolutionrinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in
dem tollen Jahr, sie bten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von
ihrem Gerechtigkeitsgefhl getrieben; auch davon erzhlte die Greisin,
immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der fr
Recht und Freiheit begeisterten Jugend: "Es gab in der Provinz Posen
Aufstand und auch in Krotoschin rckte Militr ein. So kam es, da
preuische Offiziere auch in jdische Familien einquartiert wurden und
sich ein gemtlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren
Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine
gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegrndet und diese
veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preuischen Offiziere. Diese
sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergngen
in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Tchtern des Hauses tanzen zu
drfen. Das war eine groe Verlegenheit fr die guten Kinder, denn sie
schmten sich zu gestehen, da sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten.
Wir hrten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource htte in einer
Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen
werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer
neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Mglichkeit, da Juden zu
den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekmen. Wir hrten nun, da der
Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden
ausgesprochen htte. Obgleich die Sache mich persnlich gar nicht
berhrte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, krnkte meine junge
Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten
Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine groe Schlafmtze
wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides
in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: 'Die Schlafmtze und den
Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden
Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu
begren!'

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an
meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache
nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner
Beurteilung das gleiche Gefhl wie seine Tchter, hnliche Emprung fr
eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit,
die damals ber Deutschland dahinzog, wurde leicht ein trichter
Mdchenstreich vergessen."

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwhlenden Eindruck, den diese
Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht,
heit es in ihren Erinnerungen: "Wie mchtig das Jahr 1848 die
Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausbte. Kein spteres
Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche
Erschtterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters
und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der
berzeugung, da die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit
ihre Entstehung verdankt."

Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fnfziger Jahre trat ein. Fast
gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie,
gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen ber. Sie fhlten sich dort
fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel
greren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch,
die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. "In Posen habe ich
mich", erzhlt Henriette Goldschmidt, "zum erstenmal an freiwilliger
sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen
Verein zu grnden fr 'Frauen und Jungfrauen', die sich armer Kinder nach
den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen,
ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen berhaupt Schutz und Pflege
angedeihen lassen." Die junge Henriette interessierte sich lebhaft fr
diese Grndung, nicht ahnend, da sie damit etwas tat, das mit ihrer
spteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. "Zuerst sollten
eine Anzahl junger Damen Mitglieder fr diesen Verein werben", schreibt
sie. "Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mdchens dieser
Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bndern zusammengebunden waren,
die sich leicht lsten. So mute bald meine Begleiterin stehenbleiben, um
wieder zu binden, bald mute sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen
hatte. Ob dieses fteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte:
Warum knnen wir nicht, wie die Mnner mit Gummieinsatz die Schuhe
festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: 'Was Sie fr Ideen
haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!' Ich erwiderte
lachend, da diese ja schon gewesen sei." Doch hat sie spter bei dem
Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken mssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger
Jahren geste Saat reifen konnte, trat erst noch eine groe Vernderung in
ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche
Fremde, sie, die Freiheitssehnschtige, kam in Europas unfreiestes Land,
nach Ruland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder,
die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.




                   3. Die ersten Ehejahre in Warschau.


Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an
der deutsch-jdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt.
Diesmal brauchte es keiner schweren berlegung, sie fhlte rasch heraus,
dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten
beglckenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es
spter oft nannte, nach Halbasien fhrte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer
kinderreichen, in bescheidenen Verhltnissen lebenden Familie. Auch seine
Studien erstreckten sich zuerst wie die des Grovaters auf das Hebrische,
doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche
Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er
ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschrnkten Mittel reichten
nicht zu einer Postfahrt aus. Kmmerlich genug mute er sich
durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich
weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der
jdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge
Henriette seine Schlerin, und von diesem Lehrer hrte sie auch die erste
Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner
Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr
drftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der
Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen
Sitzplatz, damit sie in dem berfllten Saal geschtzt blieb. Die
Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der
Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat - er hatte in Breslau
weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine
Frau verloren - gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es
schreckte sie nicht, da sie gleich die schwere und verantwortungsvolle
Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der lteste zehn
Jahre alt war(1).

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag,
zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: "Meine Erzvter sind
Schiller, Lessing und Goethe."

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der
monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: "Wenn auch der Kultus im
Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der
innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip,
der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung
erklrt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfllt von dem, was
der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der
deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Vter
heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religise Idee
Monotheismus."

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette
Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade
Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrckbare
Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mute es spter die
Greisin, die von jeher allen Auswchsen des Judentums ganz fern stand,
tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch
erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr
reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung
einfach nicht verstehen. Zu einer jngeren Freundin sagte sie einmal, es
war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung ber die Grnde, die
zum Antisemitismus fhren knnen, ganz still und feierlich wie ein Gebet
das Goethesche Wort:

  Gottes ist der Orient!
  Gottes ist der Okzident!
  Nord- und sdliches Gelnde
  ruht im Frieden seiner Hnde.

Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur
Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie
schrieb: "An unserem Verlobungstage sagte mein Brutigam zu mir, wenn ich
nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurckzukehren, wrde ich nicht
dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses
Ausspruches habe ich erst whrend meines Aufenthaltes in Warschau
erkannt!"

Es war noch das Ruland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in
Deutschland sang:

  Gott schtz' uns vor dem Frankenkind
  Und vor dem Zaren, deinem Schwager.

Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen
die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme
in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser groen
Bewegung lebend.

Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen,
wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz berstempelte,
sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: "Wenn die wten, welche
Bibliothek ich in dir ber die Grenze bringe!" Sie berichtet ber ihren
ersten Eindruck in Warschau: "Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen
Provinz Posen, die Preuen einverleibt war; so ganz fremdartig htten mich
die Verhltnisse nicht berhren sollen, und doch war mir alles so fremd
und unheimlich. Zunchst in Rcksicht auf die jdische Bevlkerung, die
unter einem besonderen Drucke lebte. Die preuische Regierung war
bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne
des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu
beeinflussen. So war es mir in dem groen glnzenden Warschau, als wre
ich in einem Traumlande; ich fhlte mich um Hunderte von Jahren in einen
gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berhrung mit
den ueren Verhltnissen zumute, und am liebsten wrde ich mit Mann und
Kindern zurckgewandert sein und wre es auch nach Krotoschin gewesen."

Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlsbare Band, das die junge Frau
in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben,
schlossen sich bald mit groer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite
Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhltnis war;
der jngste Sohn Benno, den die Neunzigjhrige noch "mein Bennochen"
nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde.
Bald darauf aber sollte er in Hslein gehen, die lteren Brder spttelten
schon ber das "Mdchen", da sagte die junge Stiefmutter einmal: "Ach, es
gefllt mir gar nicht, da du nun auch schon ein groer Junge in Hosen
sein wirst", und der Kleine antwortete treuherzig: "Wenn's dir lieber ist,
Mamachen, kann ich ja noch ein Mdchen bleiben."

Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Shne brauchte die junge Frau
aber auch. Im Hause sa ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen,
liebenswrdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten
Volkserzhlungen heit, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie
erschwerte ihr das Leben in dem dsteren Hause der engen Gasse, und
drauen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt
hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefngnis. Die
Prgelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen
Ruland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die dstere Wohnung
hinein.

Glcklicherweise gab es ein schnes geistiges Miteinander der Gatten; in
Dr. Goldschmidts Bcherei standen die deutschen Klassiker, stand manch
verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich
und an manchem Abend ertnten hinter fest verschlossenen Fenstern die
deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke
gelesen und alles in allem, trotz den schweren ueren Verhltnissen,
brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder
innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. "Einen
Hllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein
harmonisch schnes Leben. Da aber diese Mischung den Wunsch in mir rege
erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden
konnte, war natrlich."

Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal
jemand die Schnheit der Stadt rhmte, sagte sie mit leisem Lcheln: "Sie
haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenber dem Gefngnis gewohnt."
Dieser Eindruck blieb ihr unauslschlich, und immer sagte sie, lngst vor
dem grauenvollen Schicksal Rulands: Man mte dies Land zerschlagen, ein
solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie mten dort
jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es
einigermaen ertrglich sein sollte. Und sie fhrte oft das bittere Wort
ihres Mannes an: "Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man
sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!"

Nach reichlich fnfjhrigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der
Erlsung. In den Erinnerungen heit es: "Und wie ein Wunder erschien es
mir, als nach fnf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal
die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das
bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschlu
fate, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in
Leipzig zu bernehmen. Als wir die Grenze berschritten hatten, das unter
dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es
mir, als hrte ich das erste Bundeswort am Sinai: 'Ich bin der Ewige, dein
Gott, der dich gefhrt hat aus gypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein
freies Land!'"




                     4. Die ersten Jahre in Leipzig.


Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, da sie
gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurckkehren konnte. Freilich
in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im
Trubel der weltberhmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fhlten
sich die Gatten mit ihren drei Shnen doch, es war das ein andres Atmen;
Henriette Goldschmidt schrieb darber: "Zwar ein Land der Freiheit konnte
man Deutschland am wenigsten in den fnfziger Jahren nennen, denn dem
Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fue. Jede freie Regung
wurde unterdrckt, die besten Mnner wurden als Verbrecher ins Gefngnis
gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch
nicht schlaff und feige lie man die Machthaber gewhren; der Kampfplatz,
den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kmpfer. Nur die
Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von 'Gottes Gnaden'
erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten fhrte es den Kampf."

1859 rstete sich ganz Deutschland, Grostdte und Kleinstdte, ja selbst
einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag.
Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Drumling damit aussah,
echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch berall.
Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden;
sie konnte wohl spter mit heiterem Lachen von dem Jngling erzhlen, der
bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: "Wir winden ihm einen
Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen," und von dichterischen Entgleisungen
wie dem Vers:

  "Schillers Glocke, Schillers Locke,
  Schillers Faust und Schillers Tell" -

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfllt von dem Erleben dieses
Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trben ueren
Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. "Wer damals jung und doch alt genug
war", schreibt sie, "um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mute am
10. November 1859 den Nachklang des 18. Mrz vernehmen. Es war der
deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung fr Vlkerfreiheit,
Menschenliebe, fr alles Ideale entstrmte, die jeder Beschreibung
spottet.

Dem Dichter des hohen Liedes 'An die Freude' galt das Fest - ihm, der
selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale
uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem
Sinne, da er zeigte, was der Trunkene fhlt und denkt. Viele der Mnner,
die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den
ffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die 'wahrhaft Edlen'
der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem
dichterischen Genius. Man hrte weniger Literarisches, man fhlte nur den
Verknder, den Propheten, den Erlser, der dem von der Reaktion
zurckgedrngten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.

Als ich in mitternchtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in
Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hlle von dem
hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hrte ich
die Worte des jetzt lngst vergessenen Dichters Karl Beck:

  'Lchle nur, du Mann im Leichenhemde -
  Die Freiheit naht - des Frhlings Herrlichkeit -
  sie ist dein Zaubermdchen aus der Fremde'."

Mit Mann und Shnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden
Drfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Groes, Erhebendes,
sah heiter ber unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr
doch das groe tiefe Erleben. -

Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre
hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte
aber noch wehmtig ein Abebben der groen Begeisterung. Als ihr an einer
dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin
ganz erschttert von der groen hnlichkeit dieses Nachkommen mit "ihrem
Schiller" heim. Auch die Freude erlebte sie, da die deutschen Frauen sich
zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers fr die Schillerstiftung in
Weimar sammelten und dieser ber eine viertel Million zufhrten. Sie war
1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher
Frauen und sa bei Tisch neben dem - russischen Gesandten. Und wie
Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhnge zwischen den Ereignissen zu
suchen pflegte, so erfate sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859
symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den
Worten Ausdruck: "Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war fr
mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als
Brgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden,
der mir geliebter Nhrboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fhlte
den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte."

Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurckgefhrt
hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die
neuen Verhltnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die
Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch fr kurze Reisewochen verlassen hat.
Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal greren Stadt von
heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte
oft, es wre nur ein uerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner
sich beziehender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre
schreibt sie dankbar: "Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine
Grostadt, aber sie gehrte zu den bekanntesten Stdten des In- und
Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr fr die Lsung politischer,
sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald ber den Kreis unserer
damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand
das Wort: 'Mein Leipzig lob' ich mir, es bildet seine Leute' besttigt.
Whrend der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so
gro war, da wir einige Zimmer, die fr Mefremde bestimmt waren,
bewohnen muten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Brste von
mir und anderes Gert. Ich war betrbt, da ich ihr damit noch nicht
dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost
zusprechend: 'Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist
die Stadt der Humanitt.'

Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: 'Wovon wirst du sprechen, wenn
die Scheuerfrau in Leipzig von Humanitt spricht?' Ein zweites Wort, das
eines Dienstmannes, sei noch erwhnt. Ich bergab ihm eine Anzahl von
Dichter- und Denkerbsten zur Ausschmckung eines Saales mit der Mahnung,
recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaen verletzt zu mir:
'Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.'"

Ja selbst die grere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette
Goldschmidt sympathisch. Mann und Shne - eigene Kinder blieben ihr
versagt - teilten ihre Gefhle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat
lieben.

Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre fr Henriette Goldschmidt;
losgelst von den stlichen Verhltnissen, begann sie nun in
Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen
Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine
Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genu kennen, so Theater- und
Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer spteren Jahre
oft um diesen Genu gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar;
aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die
letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig berschritten hatte,
eine tiefe Erbauung.

"Still bewegt" nannte Henriette Goldschmidt spter die Jahre des
Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste
gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehrten Professor Heinrich
Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor
Romler; die Shne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswrts kamen
Gste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald
kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold
Auerbach schlo das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar
schne Sommermonate in Bad Ksen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute
sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals
und spter immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau
Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzhlte sie von
einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei.
Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war
aber in allem auch die verstndnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie
einst seine Schlerin, so nannte sie sich selbst.

Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in
den hinterlassenen Bruchstcken der Aufzeichnungen: Da heit es aus den
siebziger Jahren: "Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des
Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor
Wuttke hatte die Festrede bernommen und forderte meinen Mann auf, auch
das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfllt von
Verehrung und Dankbarkeit fr den Dichter, der unser war von Kindheit an,
in so begeisternder Weise, da die ganze groe Versammlung ihm zujauchzte.
Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich
gewesen." Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem
Nurlernen begngte, sie war im tiefsten Grund eine schpferische Natur,
war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der
Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen
hat, und so sehr sie immer ihre Stiefshne und spter deren Kinder und
Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehrig
betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glcklich
sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fhlte, ihre Natur verlangte
die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfllte sie nicht, in ihr
schlummerten Krfte, die nach einer anderen Bettigung suchten, und in
dieser Zeit des inneren Vorwrtsdrngens, des seelischen Unausgeflltseins
lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann ber
die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel spter
las sie die Schriften Friedrich Frbels, lernte aus seinen Erziehungsideen
und beides flo ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg
dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so
verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte
Ziele zu ihrem einen groen Lebensziel.




                            5. Schaffensjahre.


Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: "Dem Reich
der Freiheit werb' ich Brgerinnen!" Aber anscheinend war der Ruf, ohne
ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden
sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, da es fr die Frauen
selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der
engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlsen. Zu diesen
Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch
Henriette Goldschmidt. Sie grndeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen
Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter
einem persnlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann lie ihr
vllige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das
Unwrdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am
ffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese
hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen
Prsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der
Enge gesprochen, in der viele Frauen leben muten, besonders von der
mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der
Mutterschaft.

Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und
durch ihren Mann alle geistige Frderung erfuhr, ging sie anfangs nicht
ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzhlte, da sie
entrstet heimgekommen sei, als die Grndung des "Allgemeinen Deutschen
Frauenvereins" beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte,
Mnner in den Vorstand zu whlen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wre
ganz richtig, denn wollten die Frauen selbstndig werden, dann mten sie
vor allem auch selbstndig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von
der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und
sie schlo sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach
Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des
geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den "Allgemeinen
Deutschen Frauenverein" grndeten und die Herausgabe eines Frauenblattes
unter dem Titel: "Neue Bahnen" beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch
Schriften und Vortrge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine
geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht
ffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklrung
der Frauen. Sie erzhlt davon: "Wir hatten bei unserer bersiedelung nach
Leipzig nur an die Rckkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als
Preuen fhlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate
berzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preuische
Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu
meinem Hausmdchen, da wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen
knnten. 'Ach,' antwortete dieses, 'wir knnen diesen Leuten die
preuischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.' Dabei erfuhr
ich von ihr, da sie selbst Preuin sei und ihr Bruder im preuischen, ihr
Brutigam aber im schsischen Heere diene. Whrend ich noch ber diese
traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte
mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie
zgernd fragte, worber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in
ihrer schsischen Mundart: 'Nu, was Ihnen der Gnius eingibt.' Und ich
sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und
erklre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen
dieses Bruderkrieges.

Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentmliches Gefhl,
da mein erstes ffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der
politischen Fragen bezog, die mich frher beschftigten, ehe ich an eine
Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten
Vortrag und schlo mit den Worten: 'Nicht mit zu hassen - mit zu lieben
sind wir Frauen da.'"

Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in
Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar
der Anhngerinnen wuchs. Aus den Erzhlungen einer freilich unberhmten,
aber sehr gescheiten Frau wei die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes,
da die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr gro war. Sie
sprach so gut, mit einem so hinreienden Feuer, da in Leipzig das Gercht
entstehen konnte, sie schriebe fr ihren Mann, der selbst ein guter und
geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden
Auguste Schmidt den Preis, diese wre in hervorragender Weise des Wortes
mchtig gewesen. brigens galt ihre grte verehrendste Liebe Luise
Otto-Peters, zu deren fnfundzwanzigjhrigem Schriftstellerinnenjubilum
sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).

Von ihren ersten Vortrgen, die gedruckt wurden, seien im Anschlu
genannt: "Die Frauenfrage eine Kulturfrage" (1870), "Die Frau im
Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben" (1874 bei Amelang).

Zusammenhnge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und
alle ihre Vortrge haben etwas von diesem Suchen nach der groen Einheit
in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und
mit noch jugendlich unerschpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung
leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in
anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um
Stadt fr Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu
erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch
starke Abwehr, Unverstndnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an
tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wute.
So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen
Pionierinnen mit einer - Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort
gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich fr eine besonders passende
Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Flu zu bringen,
die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten ffentlich zu sagen, hatten
sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswrtigen Frauentag
vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hrten
die Zuhrerinnen das mit an, endlich verlie eine Anzahl den Saal, sie
sagten, "die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den
Streit anhren."

Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kmpfens.
ber diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen
gemacht, es heit da: "Deutschland unter Preuens Fhrung - der Staat,
dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an
Deutschland gab, es war, als stiege die Erfllung, 'schnste Tochter des
grten Vaters', endlich zu uns nieder." Und weiter schildert sie ihre
Arbeit in dem Kriegswinter: "Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten,
fhlten auch die Frauen. Er strkte auch unsere Kraft fr weitere Kmpfe
auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um
unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich
ruhelos. Da fate ich zur Ablenkung den Entschlu, eine zusammenhngende
Reihe von Vortrgen ber die Stellung der Frau in den alten Kulturlndern
zu halten. Ohne rechtes Bewutsein der Khnheit dieses Vorhabens, nicht
geschtzt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte
ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vortrge zu
halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben."

Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen fr ihre Vortrge, sie
vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht berall
Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der
Frau bei manchen Vlkern. Ihre Vortrge fanden groen Anklang, das strkte
ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Khnheit, Forderungen
aufzustellen in ihren weiteren Vortrgen, wie sie damals noch ganz
ungewhnlich waren, so den in der Einfhrung wiedergegebenen Ruf nach
"Mttern der Stadt"; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede
Frau htte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit
zu leisten.

In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vortrgen schrieb,
fand sie ihr zweites groes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich
stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich
auf die Erziehung der Frau zu ihrem mtterlichen Beruf bezog; denn
Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mtterlichen
Einflu der Frau fr das Besondere, was die Frau ihrer innersten
Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: "Whrend
meiner Arbeit an den Vortrgen wurde ich immer mehr in der Meinung
bestrkt, da die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und
Volksganzen betrachtet werden msse. Durch ein paar Zuflligkeiten nun,
die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich
der Aufgabe zugefhrt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.

Auf einem Wege in Leipzigs Straen kam ich in eine Gasse in der Nhe der
Weststrae an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift:
"Kindergarten" trug. Ich hatte wohl in Gesprchen manchmal, wenn auch
selten, etwas von Kindergrten, Frbelschen Beschftigungen reden hren,
ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen
Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen
hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo htte damals ein
Kindergarten anders ein Lokal finden knnen als in einem irgendwie
ungehrigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig berrascht,
da jemand es der Mhe fr wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu
erkundigen. Es war noch frh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und
die Kindergrtnerin hatte Zeit, mir die Frbelschen Beschftigungsmittel
zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an - ich fhlte, hier ist ein Plan,
ein System, eine Methode - bald aber kamen die Kleinen, die
Kindergrtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige
Bewegungsspiele. Hier fhlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die
Harmonie, - ich fhlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte -
'Freude schner Gtterfunken, Tochter aus Elysium'.

Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Frbelschen Schriften
aus der Universittsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Frbels
fand ich nicht nur den Plan fr die Praxis des Kindergartens theoretisch
begrndet - es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten
in meine Seele, als erschaute ich einen Schpfungsakt, der ein neues, noch
nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen lie. Andacht
erfllte mich fr das groe Geheimnis der schpferischen Urkraft, die ihr
'Es werde' der Welt verkndet."

Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Frbels
Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Frbelsche Wort
von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die
Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten msse. Sie
ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in
der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf fr die
Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer
vertieften Durchbildung der Frauen aller Stnde zu ihrem mtterlichen
Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung,
sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf grndet, weil
sich der erziehliche Einflu der Frau durchaus nicht allein auf die
Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.

In dieser Zeit ihrer Beschftigung mit Friedrich Frbels Schriften las
Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle
einlud, die sich fr die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin,
meinte in eine groe Versammlung zu kommen und fand nur wenige
Kindergrtnerinnen, die sich in Klagen ber die Schwierigkeit ihres
Berufes ergingen. Das war der Ansto, der Henriette Goldschmidt
veranlate, den Verein fr "Familien- und Volkserziehung" in Leipzig zu
grnden; am 10. Dezember 1871 fand die Grndung mit etwa 150 Mitgliedern
statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten
Volks-Kindergarten in der Querstrae erffnen. Der Aufbau des Vereins vom
Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu
schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.

Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Grndung sich nicht abseits von
ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und
Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen
Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl
Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von
ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch
nicht; die damals beinahe fnfzigjhrige Frau stand auf der Hhe ihrer
Leistungsfhigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verstndnisvolle
Gefhrtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Shne nahm sie
echt mtterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die
"Viktoria-Fortbildungsschule" ins Leben rief, verband sie mehr als
schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende
Freundschaft war es.

Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vortrge, so sechs unter dem
Titel: "Ideen ber weibliche Erziehung", die sie spter, als sie die 80
schon berschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: "Was ich von Frbel
lernte und lehrte." Sie erteilte in dem bald darauf gegrndeten Seminar
fr Kindergrtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen fr den
Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause
eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen
zierlichen Frau zugute, da sie eine eisenfeste Gesundheit besa. Sie
erzhlte, da sie um vier Uhr frh schon aufgestanden sei, um fr sich zu
arbeiten - am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vortrge, da sie selbst
keinen Schreibtisch besa. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem
Manne nach einem reichen Arbeitstag fnf Stunden hintereinander
vorzulesen.

Bei der Arbeit an ihren Vortrgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und
mehr die Lcken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Flei strebte sie,
diese auszufllen. Sie studierte - sie las nicht nur die groen Pdagogen,
vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie
las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen
zu erweitern, ihr auerordentliches Gedchtnis kam ihr zur Hilfe, sie
schrieb ganze Bcher voll von Aussprchen nieder, schrieb oft ihre eigenen
Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte,
_die_ man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, _aus_ der man
lernen soll: "Zunchst mu man Geschichte lernen, spter erst in einem
Alter, wo man Geschichte kennt, lt sich _aus_ ihr lernen." Oder sie
stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: "Hat es Sinn, die Kraft zu
rhmen und im Gefhl der Schwche mit sich zufrieden zu sein?"

Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch
im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an
sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin fr andere war. Ihr Geist ging
weite Wege, aber sie wute auch das Schne zu genieen, das sich ihr
darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich
genommene Arbeitsverpflichtung zu versumen. Sie erzhlte, da sie einmal
auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fhlte, sich
selbst Vorwrfe gemacht habe ber die unbeschreibliche Freude, die sie
beim Anblick der groen Natur ergriff. berhaupt war es die groe Natur,
deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, fr das Idyll htte sie
nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie
sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glnzende
Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schnste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in spteren
Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber
auch unter fr sie uerlich ungnstigen Umstnden, bedrckt durch eine
lange Krankheit einer Enkelin. Den strksten Eindruck als Stadt hinterlie
ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter
Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach
Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Grber Heines und
Brnes zu sehen. Sie schreibt ber den Besuch des _Pre la Chaise_ und
Brnes Grab: "Nun aber noch einen Weg zu den 'Trumen meiner Jugend':
'Brnes Grab, gesegnet seist du mir!' Ein wundervolles Reliefbrustbild mit
einem so schnen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder
schmckt seine Grabsttte. Wie gut, da ich nicht frher meinen Baedeker
gelesen, als auf dem _P. la Chaise_. Meine Nichte, die eigentlich eine
preuische Obertribunalratstochter und kein Judenmdchen aus Krotoschin
ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in
sich aufgenommen, da sie auch mit mir die ganze Bedeutung fhlte, die fr
mich in dem Anblick dieser Grabsttte lag. Schon des Morgens sagte sie:
Wir nehmen ein Bukett fr Brne mit, - und als sie ein sehr schnes von
Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem groen Papier ohne die bei uns
so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen,
brachte, sagte sie: Tante, schreib' doch was hinein. - Ich schrieb etwas
von der Verbrderung des franzsischen und deutschen Volkes, die er
getrumt und die doch zur Wahrheit werden msse - und als ich an seinem
Grabe stand, da sah ich unter einer Bste, die von David d'Angers
herrhrt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die
Freiheit vereinigt. - So stand's im Baedeker und so hatte ich es dem
Knstler nachgefhlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in
schnen Frauengestalten, sind neben der franzsischen die Namen der
franzsischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais - neben der
deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. - Ich wollte
in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein
gewhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschftigt war, trat heran
und legte es hin: _C'etait un pote allemand - je le sais - il nous a tant
aim._ -"

Henriette Goldschmidts Reisewnsche blieben aber in der Hauptsache
unerfllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palstina und Amerika zu
sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht
hin; die bescheidenen Verhltnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung
lebte (ihr Vater hatte den grten Teil seines Vermgens verloren), und
die Grozgigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit fr ihre Ziele
dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen
an sich blieb ihr stets ein Genu, sie scheute auch im hohen Alter die
Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal fr einige Sommerwochen
nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermdung fhlte, beweist ein Wort, das
die beinahe 79jhrige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Kln
heimkehrte. Sie war die Nacht ber gefahren - nicht etwa im Schlafwagen -
hatte in Kln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus
dem Zuge stieg: "So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend."

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
ausgetreten war - Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr
1902 - gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschlielich ihren Anstalten
zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Ttigkeit, sah die von
ihr gegrndeten Anstalten damals in den festen, sicheren Hnden von Dr.
Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine groe Arbeitswelle, in die sich
Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer strzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun kme
das Alter, als sie pltzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen
konnte, die Grndung einer Hochschule fr Frauen - hnlich, nur erweitert,
wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte - mit der Tendenz "dem
mtterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu
geben," erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat
Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfgung, und, obwohl schon im
fnfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal
so ruhelos und zielbewut zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr.
Johannes Prfer einen tatkrftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am
29. Okt. 1911 die Hochschule erffnet werden. - Es war erreichte
Lebenshhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem
gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, da in ihrer Arbeitsweise
auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem fr ihre
Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen;
sie lebte nur - war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der
Verein fr Familien- und Volkserziehung - den Zielen, die sie sich
gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im
Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie
es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus
sorgsam bereitgehaltenen Gefen trinken, sondern an die Tiefen der
Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in
Besprechungen bei Fragen, die ihr fr das Ganze belanglos erschienen,
rcksichtslos zur Tagesordnung ber, aber sie war doch keine Natur, die
nur Jasager wollte, im Gegenteil wrdigte sie ein freies Neinsagen. Sie
schtzte einen logisch begrndeten Widerspruch sehr, gab viel jngeren
Menschen nach, wenn sie die Gegengrnde einsehen konnte, und besa die
Gre, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da
wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jngeren Freundin, ja selbst ihrem
Hausmdchen gegenber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verstndigung
zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser groe Zug ihres Charakters
war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab,
was man als "weises Darberstehen" bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive
Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten
jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gesprch etwas gab. Ihre Briefe
trugen bis zuletzt das persnliche Geprge ihres Geistes, die Anmut im
Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die
Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit uerlichem Darandenken verwechseln mu,
gehrte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie
auch im tiefsten Grunde den fhrenden Geistern treu, denen sie, wie sie
erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehrte besonders
Friedrich Frbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister
leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der
Frauenbewegung: sie verstehen die "alte Frbeltante" nicht, und sie hatte
damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette
Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den
Frbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Frbelschen
System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was
anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein
Talent zur Kindergrtnerin, htte es nie werden knnen. Verstanden hat sie
darin Berta von Mahrenholtz-Blow, die Henriette Goldschmidt den Apostel
Frbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Blow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit
Friedrich Frbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit ber
Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Frbel
zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort
gesagt: "Der Mann wird ein '_alter Narr_' von den Leuten genannt!
Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen
bespttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmler
errichtet."

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nhere
Verhltnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette
Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vortrgen und
in der Schrift: "Berta von Mahrenholtz-Blow, Leben und Wirken" (Hamburg
1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengnge der beiden Frauen
zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: "Mit der
Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit
dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknpft, was die
Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwrde." Henriette Goldschmidt
aber prgte sich als Leitwort fr ihre Arbeit: "Der Erziehungsberuf ist
der Kulturberuf der Frau." Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte
zuletzt ganz ihr Tun, und sie berwand in der festen Zuversicht, den
richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer
Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs
langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der
ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemtsrichtung entsprach.




                               6. Ausklang.


Auch dunkle Schatten sind ber den Lebensweg von Henriette Goldschmidt
geglitten; der Vater verlor einen groen Teil des Vermgens, eine
Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach
langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glckliche Ehe ri
damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau
den groen Schmerz, den ltesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz
pltzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin
Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und
die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.

Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser
Intensivitt des Lebens fragt man sich unwillkrlich, wann begann diese
Frau die hohe Altersgrenze zu berschreiten, wann konnte man von
wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl
allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt
nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst,
als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten
Augusttagen von 1914. Fr Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal
der Vlkervershnung, an das sie, eine berzeugte Pazifistin, stets
geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich
fortschreitende Entwicklung aller Vlker vor sich, sie sah die gewaltsame
Zertrmmerung eines hohen Standbildes.

Von da an wurde sie alt.

Sie leitete noch eine Weile den Verein fr Familien- und Volkserziehung,
dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den
Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen
Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten
sprbares Sichloslsen von ihrer Lebensarbeit.

Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das berleben
einer jngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn
starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie
aber doch noch in einem groen Freundeskreis. Ihr jngster Sohn,
Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter
Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Tchter ihrer Schwester Ulrike,
von denen die ltere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegrndete
Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterfhrt. An diesem Tage war es
wirklich, wie es ein Knstler gesagt hatte: "Es kann in wenigen Stunden in
diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen."

Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glckwnsche der
zahlreichen Abordnungen. Von frh bis abends war es ein Kommen und Gehen,
sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behrden und Vereinen, es
war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem
Leben. Selbst die greise Groherzogin von Baden sandte ihre Glckwnsche.

Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal
Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrckte sie tief. Nicht die
Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah
des Vaterlandes Zukunft dunkel verhllt, sagte oft: "Es sind zu viele
gegen uns." Oft sagte sie auch: "Wenn alle diese ungezhlten Millionen,
diese angesammelte Kraft fr den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet
werden wrde, wie glcklich knnten viele, viele leben!"

Und dann kam die trbe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem
Ausbruch der Revolution erlebte die alte gtige Frau noch den herbsten
Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau
Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.

In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein
Aufbumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im
Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette
Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage spter
ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach groe politische Ereignisse es
getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das groe Weltgeschehen,
das sie in tiefster Seele erschtterte.

Aber der Glanz von Achtundvierzig lag fr sie nicht auf den trben
Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so hei geliebte
Vaterland der Willkr der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine
Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre
Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.

Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster
Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff
sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine
trostreiche Freude, da gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein fr
Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein
Kindertagesheim zu erffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein
Vorwrtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90.
Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem
trben Winter 1918/19 das Heim fr neunzig Kinder seine Pforten auftun.

Auch die Freude ward ihr noch zuteil, da die Leitung der Anstalt, die am
strksten ihre persnliche Prgung trug, der Frbel-Frauenschule, wenn
auch nur fr wenige Jahre in die Hnde ihrer Lieblingsschlerin, Marie
Luise Schumacher, berging.

An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe
Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein
Freund aus alter Zeit sa noch allsonntglich in dem behaglichen
altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr
zugehrig fhlten. Das Haus, es heit jetzt "Henriette-Goldschmidt-Haus",
in der Weststrae in Leipzig, gehrte dem Verein, und sie war, wie sie
frher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin
und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte
einmal gesagt: "Bei uns ist alles wie eine Familie". So war es auch, die
kleine weilockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.

Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren
Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber berraschend schnell und
verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen
waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine groe
Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster
neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und
feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.

Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie
war ber den Spaziergang und die helle Schne an dem Tag fast kindlich
froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage
spter, in der ersten Frhe des 30. Januar 1920, starb Henriette
Goldschmidt, starb ein groer, gtiger, warmherziger Mensch.

Ein sanftes, fast heiteres Hinbergehen war es in die unbekannte Weite, in
ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, lie sie sich noch Brne
vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.

Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre
Lieblingsschlerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige
Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu
ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu
finden suchte:

  "Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
  die Sonne stand zum Grue der Planeten
  bist alsobald und fort und fort gediehen
  nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
  So _mut_ du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
  so sagten schon Sybillen, so Propheten;
  und keine Zeit und keine Macht zerstckelt
  geprgte Form, die lebend sich entwickelt."





                     HENRIETTE GOLDSCHMIDTS SCHAFFEN




                1. Die geistigen Grundlagen ihrer Arbeit.



                      a) Anfnge der Frauenbewegung.


Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt
eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Grndung des "Allgemeinen
Deutschen Frauenvereins" fhrte. Auer Luise Otto-Peters und Auguste
Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die
hohe Bedeutung der neuen Bewegung fr unsere Gesamtkultur so scharf
erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so
begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.

Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfllte, ein Gedanke, den der
"Allgemeine Deutsche Frauenverein" auch mit in sein Programm aufgenommen
hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und
immer wieder zum Ausdruck brachte, nmlich der: _Die Arbeit ist die
Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist da__her Pflicht und Ehre des
weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse mssen beseitigt werden, die dem
im Wege stehen._ - Also in vollem Umfange die _schaffende Mitarbeit der
Frau an unserem Kulturleben zu ermglichen_, das ist das hohe Ziel, das
ihr vorschwebte.

Um das zu erreichen, war es zunchst ntig, der Frau die *Rechte* zu
verschaffen, die die _Voraussetzungen_ fr diese Mitarbeit sind, die
Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin
vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch
aller Lehr- und Bildungsanstalten einschlielich der Universitt, das
Recht zur bernahme ffentlicher mter, das aktive und passive Wahlrecht
in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Fr all das hat Henriette
Goldschmidt mit gekmpft. Erwhnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr
temperamentvoller Vortrag ber "_Rechte und Pflichten der Frauen in
Gemeinde und Staat_", den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung
des "Allgemeinen Deutschen Frauenvereins" hielt. Im Jahre 1875 sprach sie
in Gotha ber das gleiche Thema unter Beschrnkung auf das Gemeindeleben
und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in
Armen- und Arbeitshusern, Gefngnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht
diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen - nicht
"weil der Mann sie hat, mu die Frau sie auch haben" - nicht Selbstzweck
war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Fhrerinnen
der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur _Mittel zum
Zweck_, nur Vorbedingung fr die Verwirklichung jener groen Idee _der
Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit_.

Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher
kein Zufall, da ihr erster ffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies
schon im Titel zum Ausdruck brachte. "_Die Frauenfrage eine Kulturfrage_"
lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der
brgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies
vor allem auf die unberechtigte und schdliche "Nichtbeachtung der Krfte
der Frau" hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie
seitdem oft und gern wiederholt hat: "_Wir haben wohl Vter der Stadt, wo
aber sind die Mtter?_"

"Wo sind die Mtter?" schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie
anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfate(2), "Wo sind die Mtter? _Hier ist
der Schlssel fr meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung._"

Die "Hlfte der Menschheit" - das gesamte Frauengeschlecht - war bisher
von der bewuten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. _Was ist Kultur?_
- Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhrlich schaffenden und
gestaltenden Krfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das
Schpfungswerk der Menschheit, die uere Darstellung ihres innersten
Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschlielich vom Mann geleistet
wurde, trgt sie vorwiegend mnnliche Zge, sie ist fast ausschlielich
ein Ausdruck, ein Abbild der mnnlichen Seele. Die spezifisch mnnlichen
Seelenkrfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar
nicht bewut, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber
wird man sich der Erkenntnis nicht verschlieen knnen, da die mnnliche
Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind
Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus mnnlicher
und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen
Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte
Entfaltung der mnnlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte
Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten
und tiefsten Anlagen und seelischen Mglichkeiten, die in der Menschheit
schlummern, sich _im Leben darstellen_, das Leben erhhen und veredeln.

Das _spezifisch Weibliche_ nun, das es zu entfalten und zu strken gilt,
erblickt Henriette Goldschmidt in dem _Pflegesinn_, in dem mtterlichen
Instinkt, der sich helfend und schtzend allem Werdenden, allem Schwachen
und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am
strksten von der mnnlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine
Eigenart _zum Bewutsein zu bringen_, ist die nchstliegende Pflicht der
Fhrerinnen. Und dann _Freiheit_ fr die Bettigung dieses Instinkts!
Ungeahnte Krfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus
entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schner denn je. Henriette
Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist
an ihn geglaubt hat.

Die Frauenfrage war ihr daher fr den Augenblick die wichtigste
Kulturfrage berhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung
des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht da
sie geglaubt htte, diese andere Zeit msse oder knne bereits morgen oder
bermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besa zu viel Einsicht in
historisches Geschehen. Aber den _Glauben_ hatte sie an eine bessere -
ferne Zukunft.

_Wie_ sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie
einmal selbst hrt, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen
Zitaten, sondern in grerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein
geschlossener Gedankengang - unter Weglassung unwesentlicher
Einschaltungen - wiedergegeben aus der Rede "_Die Frauenfrage innerhalb
der modernen Kulturentwicklung_," die Henriette Goldschmidt am 27.
September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist
nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor vlliger
Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schnsten
gehrt, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:


    "Wie eine hhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt,
    so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde,
    als die uerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz ber uns und das
    Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen
    nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wre es sonst
    mglich, da einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glnzende
    Namen eine anregende Kraft ausgebt htten, die eine so
    hochbedeutsame Frage fr ganz Deutschland in Flu gebracht? Wie
    wre es zu erklren, als aus einem _inneren_ Gesetze, das uns oft
    gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, da
    Frauen, die nie daran gedacht, ihren huslichen Wirkungskreis zu
    verlassen, sich pltzlich gedrngt fhlen, hinauszutreten und sich
    und ihren Namen dem unzuverlssigen, wenigstens dem
    unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wre das
    grere Wunder zu erklren, da diese Frauen nicht dem Fluche des
    Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern da sie in
    Stdten persnlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der
    Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur
    Schutz und Schirm, empfngliche Herzen, begeisterungsvolle
    Teilnahme kam uns berall, im Sden und Norden unseres Vaterlandes
    entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche
    Frauenverein bisher tagte, hat er eine Sttte errichtet, an
    welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfllte Genossinnen im
    Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit ttig sind.


    So sehr man sich bemht hat und so sehr man noch bemht ist,
    gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natrlichen und
    Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger
    _dasselbe Gesetz in ihr ttig, das alle menschlichen Verhltnisse
    bestimmt_. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen
    Verhltnisse regelt, drfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher
    Entwickelung nach den gegebenen natrlichen Bedingungen nennen:


    _Die Natur hat fr alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz
    gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie
    sollen wir als Menschen nicht in einem hheren Sinne einer
    Fortentwickelung bedrfen!_ Und die Geschichte belehrt uns, da
    wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese
    Entwickelung ist abhngig von der Kultur der Zeit, des Volkes und
    von tausend unberechenbaren Einflssen. Ist es auch unmglich,
    selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen,
    so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle
    Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurckfhren, das sich im Laufe
    der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere
    Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken
    Kulturvlker heit das Gesetz moderner Kulturentwickelung: "_Das
    Recht der Persnlichkeit nach individueller Freiheit._"


    In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der
    Gemeinde, im Staate die Wrde seiner Persnlichkeit. Der Einzelne
    hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien-
    und Volksgenossenschaft.


    In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert
    und Geprge verlieh, der Staat, dem jeder Brger seine
    Persnlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das
    Volk und sein Verhltnis zu Gott, die religise Idee, die dem
    Einzelnen zur idealen, ihn erfllenden Lebensaufgabe wurde. Aus
    diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht
    gegen Volk und Staat und Gott, _eine Familie zu begrnden_, und
    mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je strker das
    Volksbewutsein war. Erst in den spteren Zeiten des kaiserlichen
    Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrmischen
    Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.


    _Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der
    alten Welt._ War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-,
    Volks- und Staatsganzen eine Persnlichkeit, wie sollte die Frau
    sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken knnen? Im
    Familienverband waltete ja berdies noch sichtbarer als im
    Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und
    naturbestimmt fr die Ehe, fr die Familie dachte man sich nicht
    nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der
    Verpflichtung zur Heirat, zur Begrndung einer Familie richtete
    sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet
    gebliebene Mnner waren in allen antiken Kulturstaaten
    festgestellt.


    Wurde demnach das eheliche Verhltnis als ein Pflichtverhltnis
    aufgefat, so ergab es sich von selbst, da die Neigung eine
    untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam.
    Whrend - und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer
    Beachtung zu empfehlen - _whrend unsere Dichtungen es fast
    ausschlielich mit den Konflikten des Herzens in Rcksicht auf die
    Gattenwahl zu tun haben, erzhlen uns die Dichtungen des so hoch
    kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem
    Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der
    Jugend gegen die von den Eltern oder Vormndern bestimmte
    Gattenwahl_. Die griechischen Tragdien, diese Meister- und
    Musterwerke, haben es mit den erschtterndsten Kmpfen innerhalb
    der Familie, _nicht mit dem Liebesleben und -leiden_ jugendlicher
    Gemter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende
    eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im
    Interesse einer zu grndenden Familie geschlossen, sie soll _ein
    freies Bndnis zweier __Menschen in Liebe_ sein, durch nichts
    bestimmt als durch die eigene freie Entschlieung.


    Wir sehen, durch welche Gegenstze wir uns durchkmpfen mssen.
    Aus der idealen Auffassung des Verhltnisses der Geschlechter, aus
    der freien Entfaltung des Gemtslebens, wie sie das Altertum nicht
    kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so
    prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht
    kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt fr die Ehe, war
    namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war
    bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die
    Notwendigkeit anerkannt, da die Familie der verlassenen Waise,
    der verwitweten Frau die Existenz verbrgte. Der _Pater familias_
    im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer
    Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit,
    hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete
    Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem
    bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.


    Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist
    der bestimmende Mittelpunkt fr einen greren Familienkreis. Sein
    Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mndig
    gewordenen Shne und Tchter. Und nur wenige Vter sind selbst in
    der Lage, ber ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu
    versorgen.


    Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur
    fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese
    Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die
    von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die _oft
    selbstgewhlte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit_, von der
    andern die _Unmglichkeit, in den gegebenen Familienverhltnissen
    Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden_.


    Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in
    bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits
    vollbrachten an Khnheit und Gefahr vergleichen liee; sie
    schliet die gefhrlichste Freiheit in sich, die Freiheit des
    Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht
    auf die Ehe den Einzelnen berlt, so ist wenigstens das letztere
    _eine Freiheit, die sich ber die Naturgesetze erhebt_. Und es
    wird nicht mehr als eine Khnheit erscheinen, die Formen fr die
    gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die
    absolute Gltigkeit von Naturgesetzen beanspruchen knnen.


    Hier sehen wir den _Keim_ der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man
    es prinzipiell zugegeben, da die Gattenwahl sowie der Verzicht
    auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhnge, so knnen
    tausend Flle eintreten, wo diese Gattenwahl unmglich ist. "Sie
    hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden," sie hat sich in dem
    Erwhlten getuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.


    _Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich
    vorzglich gegen unser Geschlecht._


    Die moderne Kultur hat das Recht der Persnlichkeit, das Recht auf
    eigene Existenz dem _Manne_ in hherem Grade zuteil werden lassen,
    als die antike Kultur.


    Wie aber gestaltet es sich fr die Frau? Es ist ein hartklingendes
    Wort, das ich jetzt aussprechen mu: Unsere moderne Kultur hatte
    bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der
    geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher
    Bedeutung einer fr den andern haftete - ich sage, _unsere Kultur
    hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen
    Familienzusammengehrigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht
    der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefhrdet als
    gewhrt_.


    Denn da der Mann die Existenzverhltnisse reprsentiert, so ist es
    selbstverstndlich, da diejenigen Mdchen, die nicht heiraten,
    ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhltnis aber, das die
    alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewhrte, ist in unserer Zeit
    nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir
    noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. - Wohl nicht mit
    Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft,
    und wir mssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie
    existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur
    antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte
    geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der
    Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit
    der Frau berflssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen
    mag, es mu gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau
    eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus
    verschnte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich
    auszudrcken: "Die uerung der produktiven Arbeitskraft ist den
    Frauen im Hause genommen."


    Haben wir den Keim der Frauenfrage in der grern gemtlichen und
    geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persnlichkeit
    gefunden, so ist dieser Keim mchtig zur Entfaltung gelangt durch
    die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel
    zur Selbstndigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit
    vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so
    lange, bis man zu der Meinung kam, _die Frau sei zu einer
    wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt_. Das Wort: "Im
    Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot essen" beziehe sich
    nicht auf die Frau.


    Und nicht nur die Frauen, auch Mnner und wohlwollende,
    einsichtige Mnner halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das
    sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden
    Volksgeistes unserer bemchtigt hatte und in der sogenannten
    romantischen Periode seinen Hhepunkt erreichte. Wie soll man es
    sich sonst erklren, da Frauen die Freiheit in bezug auf ihre
    Persnlichkeit soweit ausdehnen knnen, _da sie in geselligen
    Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstbungen und Kunstgenssen,
    in der Sorge um ihre Toilette sich vollstndig ausleben und dabei
    doch das befriedigende Gefhl haben, ihren weiblichen Beruf zu
    erfllen_? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine _gefhrliche_
    Freiheit, eine khnere Emanzipation als jede andere. _Wie aber
    soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen?_ Man
    fat ja das Wort "Emanzipation" als gleichbedeutend mit
    Selbstndigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und
    diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht ber ihre Zeit,
    ber ihre Krfte fr den Miggang benutzten, wren nicht
    emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur
    Selbstndigkeit, aber zur Selbstheit, _zum Egoismus_, wenn die
    Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu vertrumen, zu
    verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie fr den Schein
    erzogen, dem Manne gegenber auf ihren Schein besteht und es als
    schuldigen Tribut fr ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu
    solch' migem Traum- und Genuleben zu verschaffen?


    Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die
    Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten,
    von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprche, die gerade
    unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstflei erzeugt hat, so
    wird man sich nicht wundern, _da die Ehelosigkeit in den hheren,
    gebildeten Gesellschaftskreisen berhand genommen_. - So teile ich
    aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten
    groen Kriegen folgendes Verhltnis mit: In Preuen betrug damals
    die Zahl der unverheirateten Mdchen im Alter von ber 16 Jahren
    1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter ber 16 Jahre
    keinen Mastab bietet, da es ja die Heiratsmglichkeit in sich
    schliet. Wenn aber in Preuen die Zahl der unverheirateten Mnner
    im Alter von ber 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist fr die
    Million achtmalhunderttausend Mdchen kaum die Hlfte der
    Ehestandskandidaten vorhanden.


    In welchem Lichte mu diesen statistischen Zahlen, diesen
    unleugbaren Tatsachen gegenber, die Meinung sich befinden, die in
    hochtnenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: "Die
    Bestimmung des Mdchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe
    beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses." Nochmals
    sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvlker diese Anschauung
    festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhltnisse begrndet,
    fr unsere Kulturverhltnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.


    Noch dunkler und trber fast sind die Schatten, die unsere Kultur
    begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten.
    Hier zeigen sich in Rcksicht auf die Lebensdauer der beiden
    Geschlechter ganz merkwrdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur
    verbraucht ein gut Teil mnnlicher Arbeitskraft. Das Militrwesen,
    das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprchen an
    Menschenkraft vernichtet viele Mnner in der Blte der Jahre. Ich
    entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre
    1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als
    Ausnahmezustnde denken will; also 1864 gab es in Preuen rund
    700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab
    es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende
    Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preuen verzeichnet fand:
    Von dem Geschlechte, ber welches die Strme der ersten
    franzsischen Revolution brausten, sind 160 Mnner am Leben,
    dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von
    beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. - Vom 50. Jahre tritt die
    Erscheinung auf, da die Sterblichkeit der Mnner grer ist als
    die der Frauen, und so gestaltet sich die sptere und gewi die
    schwerere Hlfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen
    Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns
    nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: "Das Weib vereinsamt
    mit den zunehmenden Jahren". Und nicht nur der Tod, auch das Leben
    raubt der Frau frher als dem Manne den betrglichen und doch oft
    erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der
    einsame Mann auerhalb des Hauses, wie wenige die alternde,
    einsame Frau!


    Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das
    uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen
    einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst
    gestellt, und _die ganze Hlfte des Menschengeschlechts nicht mit
    den Mitteln ausrstete, die zur Selbstndigkeit gehren_. Denn ist
    es ntig, das Bild des materiellen Elends, der qulenden Sorge um
    des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen
    entgegentritt, zu entrollen?


    Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als
    eine Kulturfrage erscheinen lassen, so mssen wir, so schwer es
    uns auch fllt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk
    richten, die namentlich in groen Stdten ein nicht nur
    gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine
    Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch
    mu ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer
    Kulturzustnde: Neben den einsamen Mdchen, die in kmmerlicher
    Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen,
    kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht
    bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen
    nicht drftig und kummervoll einher, weil Seidengewnder das Elend
    verhllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere
    lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errtend
    von ihnen ab. Drfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, da
    es eine besttigte Tatsache ist: "_Der grte Teil dieses
    elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter
    Erziehung._"


    Betrachten wir die Schden, die Krankheiten, die Auswchse an dem
    so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl
    berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe
    Zeit, sich Klarheit ber die Verhltnisse zu verschaffen. Es ist
    fr unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, da
    wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen
    aufgeben mssen. _Wir sind in bereinstimmung mit unserem
    Schpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das
    Urrecht jedes Geschpfes, das Recht auf Existenz fr uns in
    Anspruch nehmen._ Jedem Wesen hat die gtige Natur die Mittel zu
    seiner Existenz gegeben - und uns sollten sie versagt sein?
    Gebraucht jedes Naturwesen seine Krfte zu seiner Selbsterhaltung,
    so ist das Recht auf _menschenwrdige_ Existenz gewi das Urrecht
    jedes in _Gottes Ebenbilde_ geschaffenen Wesens. _Menschenwrdig
    ist es aber, die Krfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu
    gebrauchen_, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen
    willen, um der Gesamtheit willen.


    Wir wollen die gesunden Krfte des Volkes in unsern Tchtern
    entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer
    geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den
    Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger
    Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende,
    hier sind alle gleich bedrftig."


Die _Lsung der Frauenfrage_ ist fr Henriette Goldschmidt - hier wei sie
sich eins mit allen groen Fhrerinnen der Frauenbewegung - im Grunde nur
mglich _durch grndliche Reform der gesamten Frauenbildung_. Es war daher
kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, da damals fast alle
groen Frauentagungen beschlossen, "anstatt mit der Fassung von
Resolutionen, mit der _Grndung eines Frauenbildungsvereins_, der es fr
seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt),
_Fortbildungsschulen fr Mdchen_ zu errichten." Jeder, der die
Mdchenschulverhltnisse der damaligen Zeit einigermaen kennt, wird
wissen, wie notwendig das war. Es gab damals auer der Volksschule und der
meist in Privathnden ruhenden sogenannten hheren Tchterschule nur noch
eine einzige Bildungssttte, das war das Lehrerinnenseminar.

Also eine ungeheure Aufgabe galt es - und gilt es noch heute - zu lsen:
_die Schaffung eines_ dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts
adquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu
wirtschaftlicher Selbstndigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer
Kultur fhrenden _Frauenbildungswesens_. Vieler Jahrhunderte hatte es
bedurft, um das Mnnerbildungswesen zu seiner jetzigen Hhe zu bringen.
Wenn naturgem von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der
Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das
letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt
vorschwebte: _die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der
tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkrfte_.

Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt
es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in
Hannover mit den rhrend-bescheidenen und zugleich
zuversichtlich-trotzigen Worten schlieen - die zugleich ein wundervolles
Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:

"_Der Kraft des schpferischen Tuns bewut, mit Demut und Hingebung der
Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tnt, handelnd
und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Proze des
Lebens._ Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan - ihre Aufgabe
bewutvoll als eine Kulturaufgabe fr unser Menschengeschlecht erfassend -
*die Frau*!"



                           b) Friedrich Frbel.


Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Frbel, der dem Denken und
Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. -

Mute Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei
ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide
verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde
Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, da einesteils das
Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in
ganzer Strke in ihr lebendig war und da sie andernteils in Frbels Ideen
die Lsung des Problems, die Erfllung dieser Sehnsucht fand.

Friedrich Frbel war nicht nur der Grnder der Kindergrten, als den ihn
die Welt fast ausschlielich kennt, sondern er war ein Pdagog ganz groen
Stils, ein Kulturpdagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei
dem Wort "Pdagog" immer nur an "Lehrer", und sie meinen, ein "groer
Pdagog" sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren
Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen
mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Frbel
nicht. Sein Blick war auf Hheres gerichtet.

_Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen._ Unter
Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu
verstehen, sondern es heit hier soviel wie Menschentum. Es ist das
Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich
auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Krfte und Fhigkeiten, die
im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind.
Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden
gemeinsam war.

Es drngt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles
Menschentum, alle Menschenleistung ist eine uerung dieses Geistigen.
Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz
alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die
_Menschheit_ ist Ursprung und Schpfer der _Kultur_ - wie die _Gottheit_
Ursprung und Schpfer der _Natur_ und der _Menschheit_ ist. Menschheit und
Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.

Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der
_Schpferwille_ und die _Schpferkraft_, der Drang und die Fhigkeit, sich
(d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich
gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse _Gestalt_ zu geben. Stoff
an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit
Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst berlassen, ist Chaos,
erst durch die Verbindung mit dem gttlichen Geist wird sie zum Kosmos.

Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen
kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das
Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer hher. "Alles
Innere wird von dem Innern an dem uern und durch das uere erkannt. Das
Wesen, der Geist, das Gttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt
an seinen, an ihren uerungen" (Frbel).

Die Entwicklung der Menschheit hngt also davon ab, da sie sich
_ungehemmt_ und _frei_ entfalten, darstellen, objektivieren kann.

Dazu gehrt dreierlei:

_Erstens_ mu sie sich in ihrem innersten Wesen _rein_ erhalten. Das
geschieht, wenn sie sich stets ihres gttlichen Ursprungs bewut bleibt.
Darum setzt Frbel an den Anfang seiner "Menschenerziehung" (1826) das
tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit
zitieren konnte: "In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es
sprach und spricht sich im _uern_, in der Natur, wie im _Innern_, in dem
Geiste, und in dem _beides Einenden_, in dem Leben, immer gleich klar und
gleich bestimmt dem aus, den entweder _von dem Gemte und Glauben_ aus die
_Notwendigkeit_ erfllt, durchdringt und belebt, da es gar nicht anders
sein kann, oder dem, dessen _klares ruhiges Geistesauge_ in dem uern und
durch das uere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das
uere mit Notwendigkeit und Sicherheit _hervorgehen sieht_. Diesem
allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare,
lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde.
Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie - die Einheit selbst -
entweder durch _Glauben_ oder durch Schauen lebendig, gleich er- und
umfassend erkannt, so da sie auch von einem still achtsamen menschlichen
Gemte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher
erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.

Diese Einheit ist Gott.

Alles ist hervorgegangen aus dem Gttlichen, aus Gott, und durch das
Gttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller
Dinge.

In allem ruht, wirkt, herrscht Gttliches, Gott.

Alles ruht, lebt, besteht in dem Gttlichen, in Gott und durch dasselbe,
durch Gott.

Alle Dinge sind nur dadurch, da Gttliches in ihnen wirkt.

Das in jedem Dinge wirkende Gttliche ist das _Wesen jedes Dinges_.

Die _Bestimmung_ und der _Beruf aller Dinge_ ist: ihr Wesen, so ihr
Gttliches, und so das Gttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am
uerlichen und durch Vergngliches kundzutun, zu offenbaren." -

_Zweitens_ mu sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung _bewut_
werden. Darin erblickt Frbel die besondere Bestimmung, den besonderen
Beruf des Menschlichen. Die brigen Geschpfe entfalten ihr Wesen nur
einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewutsein tun.
Dadurch erhebt er sich ber alle anderen Kreaturen. Dadurch nhert er sich
der Gottheit.

_Drittens_ braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu
knnen: Stoff, Gelegenheit, Mglichkeit zur _Bettigung_. Das Bewutsein
ihres gttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein gengt
noch nicht zur Hherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und
Entwicklung. Arbeit mu dazukommen, _Arbeit und Schaffen_ am Materiellen,
am "ueren". Dadurch gewinnt die Arbeit bei Frbel einen ganz neuen Sinn.
Sie ist nicht mehr wie im "Alten Testament" _Strafe_ fr die im Paradies
begangene menschliche Snde ("Im Schweie deines Angesichts sollst du dein
Brot essen!"), sie ist auch nicht nur unangenehme _Notwendigkeit zur
Erhaltung des Krpers_ (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist
_Mittel zur Entfaltung des Geistigen_. Sie ist der strkste und
unentbehrlichste _Kulturfaktor_ berhaupt. "Erniedrigend ist der Wahn",
hat Frbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses
Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt,
"erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur
darum, seinen Krper, seine Hlle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider
zu erwerben; nein - _der Mensch schafft ursprnglich nur darum, damit das
in ihm liegende Geistige, Gttliche sich auer ihm gestalte_ und er so
sein eigenes gttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm
dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe."

Mit diesem weiten Blick tritt nun Frbel _an das Erziehungsproblem heran_.
Erziehung kann ihm - nach dem Vorangegangenen - nichts anderes sein als:

1. Hinlenken des Blickes der Menschen _auf den ewigen Ursprung alles
Seins_ und Pflegen des Gefhls des inneren Verbundenseins mit dem
Gttlichen,

2. Anregen und Hinfhren zur _Selbstbesinnung ber das Wesen und die
Bestimmung des Menschen_, und

3. Anleiten zu schaffendem Gestalten, zu _produktiver Arbeit_.

Das ist Kulturpdagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und
strkt alle schpferischen menschlichen Krfte, die die Kultur bauen, die
berhaupt erst Kultur mglich machen.

_Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre "Darlebung"
in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhhung seiner
Kulturleistung_, das ist das groe Ziel, das ihm vorschwebt.

Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!

Natrlich mu die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am
einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt
Frbel nicht darauf an, da dieses oder jenes Individuum um seiner selbst
(oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es
kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Gttlichen in jedem Wesen,
gleichsam _auf die Menschheit im Menschen_ an. Wenn je ein Pdagog, so
betrachtet Frbel die Erziehungsarbeit _sub specie aeternitatis_.

Am _reinsten_ und noch vllig "unverletzt" tritt uns _die Menschheit im
Kinde_, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des
Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an,
da diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das
kann nur geschehen durch _angemessene bewute Pflege_. Darum ist die
frheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen
Individuum erst einmal verdorben und verkmmert, dann ist es zu spt. Ein
solches Individuum scheidet dann als Trger des Geistigen aus. Es wird
seine Bestimmung _nicht_ erfllen.

Es gilt also _die Menschheit zu pflegen in den Kindern_. Das ist das erste
und wichtigste Stck der Frbelschen Pdagogik.

Das ist keine Erziehung im landlufigen Sinne, keine "bewute und
planvolle Einwirkung des Mndigen auf den Unmndigen", sondern es ist eben
nur ein - _Pflegen_.

Das Bild des _Grtners_ schwebte Frbel dabei vor. Der Grtner will auch
nicht aus den ihm anvertrauten Pflnzchen alles Mgliche machen, was er
sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafr sorgen, da jedes
Pflnzchen seiner Eigenart gem sich voll entwickeln und entfalten, da
es also sein _Wesen_ (d. h. das in ihm wirkende Gttliche) rein und
unverletzt darstellen, "darleben" kann. Alles Schdliche, das von auen
diese Entwicklung stren knnte, mu er fernhalten, aber er mu den
Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedrfen. Er mu seine
Schtzlinge - _pflegen_.

Ganz ebenso - meint Frbel - ist es _in der ersten Erziehung_. Hier gilt
es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu
_pflegen_, das kostbare Gut vor Beschdigung zu hten, ihm die Mglichkeit
zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher fr
die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und
Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen -
oder wie Frbel seit 1840 diese so treffend nannte: _Kindergrtnerinnen_.
Eine Kindergrtnerin ist keine Erzieherin im blichen Sinne, sie ist nur
eine Hterin und Pflegerin der "Menschheit in der Kindheit". Sie bedarf
keines strengen pdagogischen Willens (wie der sptere eigentliche
Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Grtnergesinnung. Die erste
Erziehung soll ja nach Frbel nicht eigentlich "vorschreibend, bestimmend
und eingreifend" sein, sondern "nachgehend, nur behtend und schtzend."
Denn "das Wirken des Gttlichen ist in seiner Ungestrtheit notwendig gut,
mu gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit mu
voraussetzen, da der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn
auch noch unbewut gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das
Beste an sich und fr sich will, und zwar noch berdies in einer ihm ganz
angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Krfte und
Mittel in sich fhlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und
in das Wasser, whrend das junge Hhnchen in der Erde scharrt und die
junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fngt und fast nie die Erde berhrt.
Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und
Zeit, wissend, da sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen
wirkenden Gesetzen gem schn entfalten und gut wachsen; jungen Tieren
und jungen Pflanzen lt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende
Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, da das Gegenteil ihre reine
Entfaltung und gesunde Entwicklung stre; aber der junge Mensch ist dem
Menschen ein Wachsstck, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er
will." Darum mahnt Frbel: "Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und
Hain durchwandelt, warum ffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hren, was
die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr
Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere
Gesetzmigkeit ahnen lt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im
Beet, und schaut, welch eine Gesetzmigkeit, welch ein reines inneres, in
allen Teilen und uerungen bereinstimmendes Leben sie zeigt: eine
gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So knnten,
Eltern! eure Kinder, denen ihr frhe Form und Beruf wider ihre Natur
aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatrlichkeit um euch wandeln,
auch schn sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden."

Was wir also brauchen fr unsere Kleinen, ist gleichsam ein _Garten der
Kindheit_, in dem die jungen Geschpfe heranwachsen knnen, gepflegt und
behtet von treuen Grtnerinnen. Was wir brauchen, sind _Kindergrten_,
d. h. Sttten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend
sich entfalten, an denen sie ihr Gttliches - die Menschheit - "darleben"
knnen.

Wie kann das geschehen?

Der tiefste Wesenszug der Gottheit - und daher auch der Menschheit - ist,
wie oben bereits erwhnt, der _Schpferwille_, der _Gestaltungsdrang_. Im
frhen Kindesalter uert sich dieser als _Ttigkeits- und
Beschftigungstrieb_. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung
und Ttigkeit so stark wie in diesen frhen Jahren. Schon der alte Pdagog
Comenius hatte das erkannt und in seinem "Informatorium der Mutter Schul"
(1632) geschrieben: "Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge
Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll
man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anla geben, da sie
immer etwas zu tun haben. La sie Ameislein werden, welche immer
herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen" usw.

_Die bewute Pflege dieses strksten aller kindlichen Triebe, des
Ttigkeits- und Beschftigungstriebes_ war fr Frbel der Anfang wahrer
Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in
der Kindheit. "Menschheitspflege und Kindheitspflege," schrieb er einmal
"wohnen in einem Tempel."

Frbel begngte sich nun aber nicht damit, die Pflege des
Ttigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie
der Ttigkeitstrieb gepflegt werden knne, er wollte den Kindern Material
in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und ueren Krfte entfalten
wrden. So schuf er:

1. seine "_Mutter- und Koselieder_. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege
des Kindheitlebens. Ein Familienbuch" (1844). Mit 50 groen Kupfern von
Friedrich Unger(3);

2. seine _Gabenreihe_ (Ball - Kugel, Wrfel, Walze - Bauksten) mit den
dazu gehrigen "Anleitungen" (fr die Erwachsenen);

3. seine _zahlreichen sonstigen Beschftigungen_ (Legetfelchen, Flecht-
und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnhbltter u. dgl.).

Es wrde zu weit fhren, im einzelnen zu zeigen, wie Frbel sich diese
neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen
Manahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den
_Geist_, in dem das Ganze aufgefat und ausgebt wurde.

Und da setzte er seine ganze Hoffnung _auf die Frauenwelt_.

In dem _mtterlichen Instinkt_, in dem angeborenen _Pflegesinn_ des Weibes
sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege.
"Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn," schreibt er
einmal, "berhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemt trennt nur der
Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie
das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in
das Frauenherz und -gemt, in den echten Frauensinn gelegt."

Freilich, diese _Einigung von Kindheit und Frauenleben_, die frher wohl
bestand, ist durch die Riesengewalt uerer Verhltnisse und die
wirtschaftlichen Nte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich
ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht _bewut_
waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben.
Aber die unnatrliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen
Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu gefhrt, da allmhlich das
_Bewutsein der Zusammengehrigkeit von "Kinderleben und Frauensinn_"
erwacht ist und das _Streben_, diese natrliche Einheit wieder
herzustellen. "Der ersten Kindheitpflege mu das Frauenleben wieder ganz
zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege mu allgemein wieder
geeint, weibliches Gemt und sinnige Kinderbeachtung mu wieder ein
Einiges werden." (Frbel.)

Was das weibliche Geschlecht bisher rein _instinktiv_ getan, nur seinem
Naturtriebe folgend - also im Grunde _passiv_ -, das soll und wird es in
Zukunft bewut ausben, aus hherer Einsicht, aus eigenem Willen - also im
Grunde _aktiv_. Dadurch wird das bisherige natrliche Tun der Frau zur
Kulturleistung. Denn alles natrliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle
Kulturleistung aber auf dem Bewutsein und dem Willen des Menschen.

Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur mglich, wenn
es _zuvor_ seine "menschheitspflegende Bestimmung" erkannt, d. h. wenn es
im einzelnen Kinde nicht mehr _nur das seelisch-krperliche Einzelwesen_
erblickt - was das Kind natrlich zunchst ist - sondern darber hinaus in
jedem Kinde _das ewig Geistige, die Mensch__heit_ (in dem oben dargelegten
Sinne) und damit _Gttliches_ ahnt.

Damit ndert sich die ganze Stellung der Frau zum _Kinde_ und zur
_Menschheit_.

Sie ist nicht nur mehr _Hterin eines Einzelgeschpfes_, sondern
_Priesterin des Ewigen_: sie pflegt Unvergngliches - Gttliches - in
ihrem Kinde. Der natrliche _Pflegesinn des Weibes_ - der tiefste
Wesenszug ihres Geschlechts - erhlt dadurch eine viel umfassendere
Bedeutung, ein viel hheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer
_Kulturnotwendigkeit_.

Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung
_kulturfrdernd in groem Stil_ werden will, mu sie diese ihre tiefste
Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken
Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist
_dem weiblichen Geschlecht als Ganzem_ eine Mglichkeit zur
Hherentwicklung "_von seinem Wesen aus_" gegeben. Mgen einzelne begabte
Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Groes leisten, das weibliche
Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner
mtterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und
den Kulturtaten des mnnlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen)
_Gleichwertiges_ schaffen knnen.

Die _Pflege der Menschheit in der Kindheit_, also das Erhalten und
Behten, das ben und Starkmachen der eigentlichen _kulturschaffenden
Kraft_ ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt
der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit
_gleichwertig_.

In diesem tiefen und umfassenden Sinne mu das Lieblingswort Henriette
Goldschmidts verstanden werden, das sie Frbel entnommen hat und von dem
sie wnschte, da es in ihrer Anstalt unter ihre Bste gesetzt wrde, da
es besser als jedes andere zum Ausdruck brchte, was sie erkannt und
gewollt habe, das Wort:

"_Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner
instinktiven passiven Ttigkeit - als Glied der Menschheit - zu entheben
und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung
willen, ganz zu derselben Hhe wie das mnnliche Geschlecht zu erheben._"

Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort
entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glcklichen Stunde
geprgt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum
"geflgelten" geworden ist:

"_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau._"

Auch dieses Wort weist in die Zukunft.

Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren
wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der
Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefat
und gebt wird, ist noch _kein_ Kulturberuf. Er ist noch eine
"instinktive, passive Ttigkeit." - Aber er soll ein Kulturberuf, er wird
_der_ Kulturberuf der Frau werden.

Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunchst den suchenden und
gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Krfte in den Dienst der Kultur
stellen mchten, ohne bereits ein klares Ziel fr ihre Arbeit zu haben.
Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht drauen,
sondern _in euch selbst_! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des
weiblichen Geschlechts und weiht eure Krfte einer Arbeit, die euerm
innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann "als Glied der Menschheit"
nichts Hheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als
Kulturberuf aufzufassen und auszuben.

Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre
Fhrerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die _Bildung des
weiblichen Geschlechts_ in diesem Sinne gestalten. Friedrich Frbel
bezeichnete am Ende seines Lebens seinen fr Marienthal entworfenem Plan
einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt fr das weibliche Geschlecht
_als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens_.

Die Errichtung einer solchen Bildungssttte war auch fr Henriette
Goldschmidt _die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese
ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Frbelschen Pdagogik
entwickelten Ideen_.




                 2. Ihr Wirken fr die Kindergartensache.



                a) Petition an die deutschen Regierungen.


Fast 50 Jahre hat Henriette Goldschmidt im Dienste der Kindergartensache
gestanden. Sie hat zahllose Vortrge ber die Idee des Kindergartens
gehalten, hat jahrzehntelang intensiv im "Deutschen Frbelverband"
mitgearbeitet, hat in Leipzig vier groe Volkskindergrten geschaffen, die
noch heute als stdtische Anstalten blhen. Aber ber all das soll hier
nicht ausfhrlich gesprochen werden. So verdienstvoll es natrlich war, es
unterschied sich doch nicht wesentlich von der gleichen Arbeit
geistesverwandter Frauen in anderen Stdten. Hier sei nur von dem
berichtet, was sie _mehr geleistet_ hat als die andern.

Da ist in erster Linie die Petition des "Bundes deutscher Frauenvereine"
an die deutschen Regierungen zu nennen. Pfingsten 1897 hatte Henriette
Goldschmidt auf der Generalversammlung des Bundes den Antrag gestellt,
eine Petition an die deutschen Regierungen wegen "Einordnung der
Frbelschen Erziehungs- und Bildungsanstalten (Kindergrten und Seminare
fr Kindergrtnerinnen) in das Schulwesen der Gemeinden und des Staates"
zu richten. Der Antrag fand die Zustimmung des Bundes, und die
"Erziehungskommission" wurde beauftragt, die Petition auszuarbeiten. Die
eigentliche Arbeit hatte Henriette Goldschmidt zu leisten, die die
Vorsitzende dieser Erziehungskommission war. Aus dem Briefwechsel
Henriette Goldschmidts mit ihrer Freundin, Frau Jenny Asch in Breslau(4),
wissen wir Nheres ber die Schwierigkeiten, unter denen diese Petition
zustande kam: Einige Mitglieder der Kommission standen der ganzen Sache
khl gegenber, andere wohnten auswrts (z. B. Eleonore Heerwart in
Eisenach, Martha Back in Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des "Deutschen
Frbelverbandes" (Prof. Dr. Eugen Pappenheim in Berlin) war berhaupt
gegen die Eingabe. Schlielich blieb Henriette Goldschmidt nichts anderes
brig, als die Petition selbst auszuarbeiten und dann den brigen
Mitgliedern der Kommission zur Billigung zuzuschicken. Im November 1898
sandte dann der Vorstand des "Bundes deutscher Frauenvereine" die Petition
an die Regierungen ab.

Henriette Goldschmidt hatte auf einen raschen Erfolg dieser Eingabe kaum
allzu groe Hoffnungen gesetzt. Sie wollte damit nur die ganze
Angelegenheit berhaupt in Flu bringen. Da sich nicht alles, was sie
darin forderte, in kurzer Zeit werde verwirklichen lassen, das wute sie.
Wenn die Regierungen nur berhaupt anfingen, der Kindergartensache nher
zu treten, das gengte zunchst schon. Zehn Jahre spter zeigten sich die
ersten Spuren: 1908 im Lehrplan der preuischen Frauenschulen, 1911 in den
Prfungsbestimmungen fr Kindergrtnerinnen und Jugendleiterinnen. Wenn
naturgem zwischen 1898 und 1908 auch noch andere magebende
Persnlichkeiten in dieser Richtung auf das preuische Kultusministerium
eingewirkt haben mgen, so ist doch die Tatsache nicht zu leugnen, da
Henriette Goldschmidt _den ersten mutigen Schritt in dieser Sache getan
hat_ und da daher ihre Petition von 1898 ein _Markstein_ in der
Geschichte des deutschen Kindergartenwesens bleiben wird.

Damit dieses _historisch bedeutsame Schriftstck_ nicht so schnell der
vlligen Vergessenheit anheimfllt, sei es nachstehend im Wortlaut
wiedergegeben, zumal es auch in Einzelheiten beraus charakteristisch fr
Henriette Goldschmidt ist:


    "Das Gesuch betrifft das fr unsere Familien- und Volkserziehung
    so wichtige Gebiet der _Kindergrten_ und _Seminare fr
    Kindergrtnerinnen_.


    Beide Anstalten verdanken ihr Entstehen bekanntlich dem jngsten
    schpferischen deutschen Pdagogen _Friedrich Frbel_. Auf die
    Initiative von Mnnern und Frauen (Diesterweg, Frau von
    Mahrenholtz-Blow, Johanna Goldschmidt u. a. m.), die noch
    unmittelbar unter dem Einflusse des Meisters standen und von
    seinen Ideen begeistert waren, ist die Errichtung von Kindergrten
    und Seminaren zurckzufhren.


    Dieser selbstlosen Hingabe und opferwilligen Arbeit fr die
    Realisierung des Frbelschen Erziehungswerkes folgte eine
    Privatttigkeit einzelner Personen, die unter eigener
    Verantwortlichkeit Kindergrten und Seminare fr
    Kindergrtnerinnen errichteten, ohne eine andere Kontrolle als die
    ihrer eigenen Gewissenhaftigkeit. Die Folge davon ist, da
    Erziehungssttten, die sich auf die wichtigsten Lebensalter - auf
    die Kindheit beider Geschlechter und auf das jungfruliche Alter -
    beziehen, den Charakter industrieller Unternehmungen angenommen
    haben. _Kindergrten und Seminare fr Kindergrtnerinnen
    unterliegen bisher dem Gewerbe- und nicht dem Schulgesetze._


    Welch eine groe Schdigung der Sache dieser Umstand mit sich
    fhrt, das kann hier nicht errtert werden. Hinweisen wollen wir
    darauf, da Erziehungssttten fr das erste Kindesalter nur einer
    _frheren_, nicht einer _niedrigeren_ Stufe unseres Lebens dienen
    als die _Volksschulen_. Wie aber die Errichtung einer Schule ohne
    Befhigungsnachweis unstatthaft ist, so drfte mit gleichem Rechte
    die Grndung eines Kindergartens ohne Befhigungsnachweis
    unstatthaft sein. Dasselbe, nur in verschrfter Form, gilt fr die
    Errichtung von _Seminaren fr Kindergrtnerinnen_.


    Diese Anstalten sind bestimmt, Erzieherinnen zu bilden und haben
    daher eine Aufgabe zu erfllen, welche derjenigen der Seminare fr
    Lehrerinnen kaum nachsteht.


    Bezieht sich daher unser Gesuch zunchst darauf, _da die
    genannten Anstalten der Willkr enthoben und einer behrdlichen
    Kontrolle unterworfen werden_, so beschrnkt es sich nicht darauf.


    Es wird im allgemeinen zugegeben, da die Grundlagen der
    Charakterbildung im Kinde geschaffen sind, wenn dasselbe in die
    Volksschule eintritt. Die hochwichtige erzieherische Aufgabe,
    welche dem vorschulpflichtigen Alter zugewiesen ist, wird zur
    Stunde lediglich dem Zufall berlassen. - Die weitaus grere Zahl
    der Eltern hat fr die Lsung derselben entweder keine Zeit oder
    kein Verstndnis, oder keine Neigung. Es erscheint demgem
    dringend geboten, die Erziehung des heranwachsenden Geschlechtes
    im vorschulpflichtigen Alter von Staats wegen im Interesse des
    Staates sicherzustellen. Weder Vereine, noch private
    Unternehmungen sind imstande, eine Aufgabe zu lsen, die sich auf
    die gesamte Bevlkerung bezieht - sie konnten nur die notwendige
    Vorarbeit leisten. - Weil aber die Erziehung der Kinder im
    vorschulpflichtigen Lebensalter fr die Zukunft des
    heranwachsenden Geschlechtes, also fr unser Volk und den Staat,
    von hchster Bedeutung ist, bitten wir eine hohe Regierung,
    hochdieselbe wolle durch ein besonderes Gesetz oder durch eine
    Novelle zum Schulgesetze die Frage der Kindergrten einer Regelung
    unterziehen, und zwar wolle hochdieselbe in dem erbetenen Gesetze
    anordnen, da innerhalb eines festzustellenden Zeitraumes jede
    Gemeinde in Verbindung mit ihrer Volksschule einen oder mehrere
    Kindergrten zu errichten habe, zu dessen Besuche alle Kinder
    mindestens zwei Jahre vor ihrem Eintritt in die Volksschule
    verpflichtet sind. Diese Kindergrten bitten wir den staatlichen
    Schulaufsichtsbehrden zu unterstellen.


    Auch wenn die hohe Regierung nicht fr baldigen Erla eines
    derartigen Gesetzes sich entschlieen knnte, wird sich
    hochdieselbe nicht verschweigen drfen, da die derzeitige
    Ausbildung der Kindergrtnerinnen nicht immer der Bedeutung
    entspricht, welche die erzieherische Ttigkeit erfordert. Wir
    fhlen uns deshalb verpflichtet, eine hohe Regierung gehorsamst zu
    bitten:


    Hochdieselbe wolle anordnen, da _die Seminare fr
    Kindergrtnerinnen_ der staatlichen Prfung unterstellt und da
    die Abgangsprfungen der Seminaristinnen vor einer vom Staate
    eingesetzten Kommission abgelegt wrden. Auerdem ersuchen wir
    aber die hohe Regierung, mit der Errichtung staatlicher Anstalten
    fr die Ausbildung von Kindergrtnerinnen vorgehen zu wollen.


    Angesichts der belstnde, welche auf diesem so hochwichtigen
    Gebiete vorhanden, bitten wir ferner eine hohe Regierung:


    Hochdieselbe wolle gtigst anordnen, da nach einem gewissen
    Zeitraum, dessen Dauer dieselbe bestimmen wolle, die Lehrerinnen
    an Kindergrten vor einer staatlichen Kommission ihre Prfung
    bestanden haben mssen.


    So lange, als die hohe Regierung noch nicht die Errichtung von
    Kindergrten im Anschlu an die Volksschule durch die Gemeinden
    angeordnet hat, bitten wir:


    Eine hohe Regierung wolle die bestehenden privaten, von Vereinen,
    sonstigen Korporationen oder Einzelnen errichteten und erhaltenen
    Kindergrten unter die Aufsicht der staatlichen Behrde stellen.


    Schlielich geben wir uns der Hoffnung hin, da nach der
    Einfhrung der gesetzlich angeordneten Gemeinde-Kindergrten die
    Leiterinnen derselben, ebenso wie die Lehrerinnen das Recht auf
    Pensionsbezug erlangen.


    Wir glauben einer Frage des Staatswohles von hoher Bedeutung zu
    entsprechen, wenn wir uns gestatten, die Aufmerksamkeit einer
    hohen Regierung fr dieselbe zu erbitten. Es handelt sich um eine
    sorgfltige naturgeme Erziehung groer Massen von Kindern zu
    einer Zeit, die fr die Richtung des Gemtslebens, fr die
    Charakterbildung ausschlaggebend ist.


    Wir gestatten uns, auf die Begleitschrift zu verweisen, welche die
    wesentlichsten Punkte der Begrndung der Petition enthlt und
    geben uns der Hoffnung hin:


    Eine hohe Regierung werde unser Gesuch einer wohlwollenden Prfung
    unterziehen und uns gtige Genehmigung unserer Bitten zuteil
    werden lassen.


    Leipzig, November 1898.


    *Der Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine.*
    _Auguste Schmidt_, Vorsitzende.


    _Henriette Goldschmidt_,
    Vorsitzende der Erziehungskommission des
    Bundes deutscher Frauenvereine."


Ein reiches Programm! Jeder einzelne Punkt desselben beweist, wie
grndlich Henriette Goldschmidt die Kindergartenarbeit kannte, wie sehr
die Mistnde auf diesem Gebiet sie schmerzten und wie sie auf Besserung
sann. In der dieser Petition beigefgten "_Begleitschrift_" geht sie noch
ausfhrlicher auf alle diese Einzelheiten ein. Es wrde zu weit fhren,
auch den Inhalt dieser Begleitschrift hier wiederzugeben.

Nur darauf sei noch ausdrcklich hingewiesen: Fr Henriette Goldschmidt
ist der Kindergarten - wie brigens auch fr Frbel - _nicht eine
Einrichtung der Not_. Er ist in erster Linie eine _pdagogische Anstalt_.
Die _Kleinkinderbewahranstalten_ Oberlins entstanden aus wirtschaftlichen
und sozialen Notstnden heraus, der _Kindergarten_ Frbels aber verdankt
seine Existenz einer pdagogischen Idee (vgl. S. 93 ff.). Das darf man nie
aus dem Auge verlieren.



                   b) Streitschrift gegen K. O. Beetz.


Die Eingabe des "Bundes deutscher Frauenvereine" an die deutschen
Regierungen veranlate den damaligen Schuldirektor in Gotha _K. O. Beetz_
zur Verffentlichung einer Gegenschrift: "_Kindergartenzwang! Ein Weck-
und Mahnruf an Deutschlands Eltern und Lehrer_" (Verlag Emil Behrend in
Wiesbaden 1900). In scharfsinniger und temperamentvoller Weise greift
Beetz in diesem Schriftchen den Kindergarten und die Eingabe des Bundes
an. Man sprt es beim Lesen dieser Broschre, da hier nicht nur "irgend
jemand" seine Meinung uert, sondern ein Pdagog von ausgeprgter
Eigenart und nicht gewhnlicher Begabung. Manches in seinen Ausfhrungen
ist prachtvoll. Das Ganze stilistisch gewandt und glnzend geschrieben.
Jedenfalls der geistvollste Angriff, der je gegen den Kindergarten gefhrt
worden ist.

Um so grer war die _Gefahr_, die von dieser Schrift ausgehen mute. Denn
da Beetz trotz alles Scharfsinns die Ideen Frbels nicht richtig erkannt
und daher das Wesen des Kindergartens falsch aufgefat hatte, das konnte
hchstens ein Kenner, keinesfalls aber das groe Publikum merken. Es war
daher dringend ntig, da der Beetzschen Schrift entgegengetreten wurde.
Unbegreiflich ist es, da dies nicht von der in erster Linie in Frage
kommenden Stelle, vom damaligen Vorstand des "_Deutschen Frbelverbandes_"
sofort geschehen ist.

Da kein andrer Zeit oder Mut fand, den schweren Angriff auf Frbel und
sein Werk abzuwehren, trat nochmals Henriette Goldschmidt auf den Plan.
Und sie schrieb eine Schrift, die in der Geschichte des Kindergartenwesens
stets einen Ehrenplatz einnehmen wird: "_Ist der Kindergarten eine
Erziehungs- oder Zwangsanstalt? Zur Abwehr und Erwiderung auf Herrn K. O.
Beetzs 'Kindergartenzwang'!_"

Mit feinem Spott leitet sie ihre Streitschrift ein: "_Kindergartenzwang!_
Gleich einem Posaunenruf, vor dem die mhsam aufgebauten Frbelschen
Erziehungssttten niederstrzen mssen, ertnt die Stimme des Herrn
Schuldirektor Beetz:

Gefahr ist im Verzuge - Gefahr fr die Grundvesten der Gesittung, Gefahr
fr unser Familien- und Volksleben, Gefahr fr den _Staat_! Alle Mann auf
Deck! Eltern, Lehrer, Staatslenker! Die Kindergrten vernichten die
Grundlagen jeder menschenwrdigen Gemeinschaft - sie vernichten das
_Familienleben_!"

Freilich, Herr Beetz ist nicht der erste, der dem Kindergarten solche
gefhrlichen Dinge zutraut. Der preuische Kultusminister _von Raumer_ sah
in der Zeit der preuischen Reaktion im Kindergarten das gleiche Gespenst
und verbot daher 1851 die Kindergrten fr die ganze preuische Monarchie.
Ungefhr zehn Jahre hat dieses unsinnige Verbot bestanden(5). Dann fiel
es, wie so manche Fessel jener bsen Zeit.

Es wrde zu weit fhren, hier das Duell Beetz-Goldschmidt bis ins
Einzelnste - bis auf jeden Hieb und Gegenhieb - zu verfolgen. Nur auf
einige wichtige Punkte sei kurz eingegangen.

_Beetz_ hatte im Hinblick auf Frbels Ideen u. a. ausgefhrt: "Der
Entwicklungsgang des Menschengeistes grndet sich auf unveruerliche
Naturgesetze, die aus eigner Kraft der Verwirklichung zustreben. Wir
knnen diesen Proze durch naturgeme Eingriffe frdern, durch
widernatrliche aufhalten, berhasten, schdigen. Ihm nach Willkr und
gegen sein Wesen ein Tempo, eine Richtung aufzwingen, ein Ziel stecken zu
wollen ist verkehrt und rcht sich an der Menschheit selbst."

In dieser allgemeinen Fassung zweifellos ein sehr beachtlicher Einwurf!

Schlagfertig antwortet Henriette Goldschmidt: "Wer bestreitet, da der
Entwicklungsgang des Menschengeistes sich auf unveruerliche Naturgesetze
grndet? Aber wer wei es nicht, da es unsere Aufgabe ist, diesen
Gesetzen nachzugehen, sie zu erforschen, um aus ihnen die Erkenntnis fr
die Erziehung zu gewinnen? Und so wrde es uns folgerichtiger erschienen
sein, wenn Herr Beetz dem Satze: 'Wir knnen den Proze (der Entwicklung)
durch naturgeme Eingriffe frdern, durch widernatrliche berhasten,
aufhalten, schdigen' hinzugefgt htte: _Deshalb wre es so hochwichtig,
da die Frauen, die Mtter, fr die Erziehungsaufgabe vorbereitet wrden,
damit sie frdernd, nicht hemmend, nicht schdigend einwirken_; denn die
Unkenntnis, die jetzt noch in Rcksicht auf den mtterlich-erziehlichen
Beruf des weiblichen Geschlechtes herrscht - _rcht sich an der Menschheit
selbst_."

Es htte weiter gesagt werden knnen, da Frbel dem Entwicklungsgange des
Menschengeistes ja eben gerade _nicht_ "nach Willkr" oder gar "gegen sein
Wesen" Tempo und Richtung aufzwingen und ein Ziel stecken will, sondern
da - auer Pestalozzi - wohl kein anderer Pdagog so hei gerungen hat um
die Erkenntnis des innersten Wesens des Menschengeistes - der Menschheit
und der Gottheit - wie gerade Frbel. Wie ernst es Frbel in dieser
Beziehung nahm, dafr nur ein Beispiel! Als junger Mann schrieb er einmal
einem Freunde ins Stammbuch: "Dir gebe das Schicksal bald einen sicheren
Herd und ein liebendes Weib; mich treibe es rastlos umher, und lasse mir
nur so viel Zeit, _um mein Verhltnis zu meinem inneren Sein und zur Welt
gehrig zu erkennen_." - Wenn je einer tiefe Blicke ins Innerste der
Menschennatur getan hat, dann war es Friedrich Frbel. Jeder, der Frbels
Schriften wirklich studiert - nicht nur einmal flchtig gelesen - hat, mu
dies besttigen. Und Frbels Ideen standen durchaus in bereinstimmung mit
der Philosophie seiner Zeit (Schelling, Krause!). Gewi kann man ber das
innerste Wesen der Menschennatur verschiedener Meinung sein, und unser
menschliches Wissen wird auch hier, wie in so vielen anderen Dingen, ewig
Stckwerk bleiben, aber "Willkr" und Unnatur kann man den Frbelschen
Ideen in dieser Beziehung nicht vorwerfen. Dieser Angriff der Beetzschen
Schrift kann nicht scharf genug zurckgewiesen werden.

In einem weiteren Kapitel hat _Beetz_ dann mit feinem Geschick die groe
_Bedeutung der Familie_ fr das Leben des Einzelnen und des Staates
dargelegt; er hat dabei goldene Worte gefunden und damit die Familie in
das hellste und schnste Licht gerckt. Er tut es aber nur, damit um so
dunklere Schatten auf den Kindergarten fallen. Die Abwehr Henriette
Goldschmidts gerade auf diesen gefhrlichsten Vorsto des Gegners bildet
den Hhepunkt ihrer Schrift. Sie geht hier - der alten Weisheit folgend:
"Die beste Parade ist der Hieb!" - gleichsam selbst zum Angriff vor und
stellt dabei die _innere Notwendigkeit des Kindergartens_ dar. Wir hren
sie auch hier wieder am besten selbst:

"In dem vierten Kapitel 'Kindergartenzwang und Familie' stellt Herr Beetz
der Familie den Kindergarten als feindliche Macht gegenber und bedient
sich hier einer Waffe, die zur Vernichtung der Kindergrten fhren soll.
Denn wer wird, wenn von beiden Potenzen die Rede ist, _Familie oder
Kindergarten_, die Familie nicht als die wichtigere anerkennen?, wer wird,
wenn es sich in der Tat um eine Schdigung des Familienlebens durch den
Kindergarten handelte, nicht dem letzteren den Garaus machen wollen? Wie
sehr stimmen wir mit Herrn Beetz berein, da 'die Familie das Produkt
natrlicher Krfte ist, da, wenn die Menschheit heute wieder ihren groen
Kulturlauf antrte, die erste Errungenschaft genau wie zum erstenmal die
Bildung der Familie sein wrde'? Diese Tatsachen erfahren meine
Schlerinnen in der ersten Unterrichtsstunde der Frbelschen
Erziehungslehre. Und all die schnen wohlgefgten Stze der Schilderung
der Familie und ihres Einflusses htte Herr Beetz noch illustrieren knnen
durch folgenden Ausspruch _Friedrich Frbels_ ber die Familie:

'Familienleben! Wie so hochwichtig bist du! Du bist das Heiligtum der
Menschheit, du bist das Allerheiligste der Pflege des Gttlichen. Familie!
lasse es uns unumwunden und offen aussprechen, du bist mehr als Schule und
Kirche und mehr noch als alles, was das Bedrfnis als Schutz des Rechtes
und des Eigentums hervorrief. Familie! wo du nicht den Geist der
Sinnigkeit und Sittlichkeit, des Beachtens und Nachdenkens in die Schulen
bringst, da sind sie, und seien sie noch so gefllt, leer wie ein
unfruchtbares Ei, aus dem sich nie neues und frisches Leben entwickelt.
Familie! was sind ohne dich Altar und Kirche, wo du ihnen nicht die Weihe
gibst und Seele, Herz, Gemt und Geist, Tun und Leben all der Deinen zum
Altar und Tempel des lebendigen Gottes erhebst.'" -

Dann wendet sich Henriette Goldschmidt den Einzelheiten des Beetzschen
Angriffes zu. Der Kindergarten entfremde die Kinder der Familie, das Haus
sei die einzige Sttte, an der eine wirkliche Erziehung des Kindes mglich
sei, behauptet der Gegner. Darauf erwidert die Verteidigerin sehr richtig:

"Bedeutet eine 3 oder 4 Stunden dauernde Abwesenheit vom Elternhause eine
Entfremdung von der Familie, so drfte die Schulzeit, die mit dem sechsten
Lebensjahre beginnt, doch ebensowohl schdlich auf die Innigkeit des
Familienlebens wirken. Das wird Herr Beetz als '_Schulmann_', der die
sittlich und geistig bildenden Einflsse der Schule mit Recht hoch
veranschlagt, nicht zugeben. _Der Kindergarten aber kann sich mit
Rcksicht auf den sittlich bildenden, geistig entwickelnden Einflu mit
der Schule messen_: seine Spiele, Liedchen und Beschftigungen geben
Gelegenheit, Sinn und Gemt des Kindes auf das Familienleben zu lenken.
Der Kindergarten entlt die Kinder keinen Tag, ohne sie auf die Frsorge
der Mutter, auf das von ihr bereitete Mittagbrot usw. hinzuweisen: _der
Kindergarten festigt das Band, das Eltern und Kinder umschlingt_.

Ob jede Mutter, auch die, die ohne gengende Hilfskrfte des Morgens die
Wirtschaft zu besorgen, die Kleinen zu waschen - und anzuziehen -
vielleicht noch ein Kleines zu pflegen und ihm Nahrung zu reichen hat - ob
jede dieser nach Tausenden zhlenden Mtter wirklich die krperliche und
seelische Kraft hat, trotz dieser aufreibenden Obliegenheiten sich die
innere Ruhe und Harmonie zu erhalten, um den Kindern ein erziehliches
Vorbild sein zu knnen? Wieviel wird an Kindern durch die erklrliche
Aufregung, die sich der Frau bei Erfllung von Pflichten bemchtigt, 'die
hundert Mnner verbunden nicht ertrgen', gesndigt! Ich spreche nur von
den mittleren, noch nicht von den unteren Stnden der Bevlkerung, ich
spreche nur von normalen Verhltnissen - nicht von denen, wo die Mutter
leidend, der Vater ungeduldig, das Verhltnis der Ehegatten zueinander das
Gemt der Kinder in der schlimmsten Weise beeinflut. Solchem Einflusse
die Kinder tglich auf einige Stunden entziehen, ist eine Wohltat in
seelischer Beziehung." -

_Beetz_ hatte ferner behauptet, eine Mutter brauche keine pdagogische
Fhrung und Belehrung. Es genge, wenn sie sich von ihrem Instinkt leiten
lasse. Hier war der schwchste Punkt des Gegners. Geschickt fhrte daher
Henriette Goldschmidt hier ihren strksten Gegenschlag, indem sie mit
feiner Ironie schrieb:

"Redensarten wie die, 'die Mutter erzieht mit dem Herzen, sie ist in ihrem
dunkeln Drange sich des rechten Weges bewut, sie ist zur Erzieherin
geboren', gewinnen nicht an Bedeutung, wenn sie ein 'Schulmann'
ausspricht. Alle diese Redensarten von der Unfehlbarkeit des Instinktes
der Frau schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, da der weitaus grere
Teil der Mtter - auch aus den hheren Gesellschaftskreisen - es nicht
versteht, sich mit den Kleinen zu beschftigen. Die Frauen engagieren die
Kindergrtnerinnen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sie fhlen, und zwar
oft recht schmerzlich, da ihr 'Instinkt' nicht ausreicht und da die
Kindergrtnerin sich mehr Verstndnis und Geschick, ja sogar mehr Geduld
fr den Verkehr mit den Kleinen angeeignet hat, als sie, die gewi gern
ihre Kinder mit dem 'Herzen' erziehen mchten.

Es ist eine bereits populr gewordene wissenschaftlich begrndete
Erfahrung, _da der Instinkt um so sicherer leitet, je nie__driger das
Geschpf auf der Stufenleiter der Naturwesen steht_. Unfehlbarkeit des
Instinkts ist das Kennzeichen niederer Organismen.

Ganz gewi mag in frheren Jahrhunderten, in denen die Frau als
Gattungswesen ihr Dasein innerhalb der Aufgabe, die ihrem Geschlechte als
solchem zufiel, lebte, einen sicheren Instinkt fr die Pflege und
Erziehung, namentlich des ersten Kindesalters gehabt haben. Instinkte
verlieren an Kraft bei fortschreitender Entwicklung.

Ich wrde Herrn Beetz ersuchen, von Zeit zu Zeit in meine Sprechstunde zu
kommen, um zu erfahren, _wie sicher_ die Frauen von ihrem 'Instinkte', von
ihrem 'dunkeln Drange', von ihrem 'Herzen' bei der Erziehung ihrer Kinder
geleitet werden. Die Kindergrtnerinnen, die in Familienstellung sich
befinden, erzhlen allerdings noch etwas mehr, als man durch einen Blick
auf die Strae wahrnehmen kann: den sinnlosen Luxus, die
Glachandschuhchen, die Schnrstiefelchen, die Spitzenhubchen, die
Federhte, die Kindergesellschaften, die Kinderblle - die kostbaren
Puppen, die Modelle fr Balldamen sein knnen, samt all dem Trdel, der
nicht nur Leib und Seele des einzelnen Kindes schdigt, der einen Keim fr
den Standeshochmut in seine unschuldige Seele bringt, wohl geeignet, die
Kluft zu vergrern, die die Glieder einer Volksfamilie voneinander
trennt.

Die Frau aus dem Volk steht allerdings der Kindesnatur nher, als die
durch alle Sprachen und Knste gebildete Mutter: jene befindet sich nher
der primitiven Entwicklungsstufe des Kindesalters. Weil aber dem so ist
und kein Zurckkehren zu dem Standpunkte des bloen Natur- und
Gattungslebens mglich - deshalb mu die Frau auf dem Wege der _Kultur_ zu
der Erkenntnis der _Natur_ und ihrer Aufgabe als mtterliche Erzieherin
gelangen.

Nur auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis ist es heutzutage der Frau
mglich, zu den natrlichen Bedingungen des Lebens zurckzukehren.

In diesem Sinne knnen wir die Erscheinung Friedrich Frbels eine
providenzielle nennen: Er zeigt uns den Weg, den wir zu beschreiten haben,
'um von dem instinktiven, passiven Sein zu einem bewuten - und zu ganz
gleicher Hhe wie das mnnliche Geschlecht zu gelangen'.

Hier ist auch der Grund fr das Verstndnis vorhanden, mit dem die
denkenden Frauen die Erscheinung Frbels begrten. Sie anerkannten und
anerkennen, da echte Kultur keinen anderen Zweck habe, als uns unser
eigentliches Wesen und unsere Aufgabe als Menschen besser verstehen zu
lehren; auch sie wissen, da kein Wort so sehr das dem Menschen
Angemessene ausdrckt, als das Wort 'natrlich'.

Und so beginnt der Proze sich zu vollziehen, der zu einem wahren
Fortschritt der geistigen und seelischen Entwicklung des weiblichen
Geschlechtes fhren wird: _zur Erkenntnis ihres natrlichen Berufs_.

Fr den, der seit Beginn der Frauenfrage innerhalb derselben nicht nur
ttig ist, sondern auch in objektiver Weise diese Bewegung beobachtet, fr
den mu die Tatsache hochbedeutsam erscheinen, da auch diejenigen
Fhrerinnen dieser Bewegung, die seitab von der Frbelschen Pdagogik
stehen, seit einer Reihe von Jahren nichts so sehr betonen, als die
_Mtterlichkeit_ der Frau. Es zeigt sich auch hier die Weisheit des
Kinderfreundes Frbel, der zwar kein philosophisches System ber das
'Unbewute' geschrieben, der aber die Bedeutung unbewut aufgenommener
Eindrcke tiefer erkannt hat, als es vor ihm geschehen. Ich stehe nicht
an, es auszusprechen, da die jetzt allseitig so sehr betonte Forderung
der Frauen, das Muttergefhl fr unsere sozialen Aufgaben in Ttigkeit zu
setzen, zu einem groen Teile auf die _unbewut_ aufgenommenen Ideen
Frbels zurckzufhren ist, wie denn auch _die_ Frau, die als erste - in
jedem Wortverstande - die Bedeutung Frbels erkannt und seine Jngerin
geworden, es ausgesprochen: 'Die erziehliche Mission, zu welcher Frbel
das weibliche Geschlecht aufruft, wendet sich unmittelbar an die Seite der
weiblichen Natur, die den Kernpunkt seines Wesens ausmacht: an die Liebe,
die heiligste Liebe, die der Mutter. Diese neue Erziehung soll den
weiblichen Genius entfesseln, ihn erheben zur geistigen Mutter der
Menschheit. - Die Liebe zur Menschheit soll dem weiblichen Geschlecht zum
Kultus werden in der Pflege der Kindheit, in der Pflege des Gottesfunkens,
den die Kinderseele birgt' (Bertha von Mahrenholtz-Blow)." -

Die beiden Schriften von Beetz und Goldschmidt wurden in den Fachkreisen
vielfach besprochen. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden dadurch
veranlat, sich mit der _Frage des Kindergartens_ eingehender zu
beschftigen, um Stellung in dem Streit nehmen zu knnen. So hat also
durch die Entgegnung Henriette Goldschmidts der Angriff des Direktors
Beetz im Grunde _zur Klrung der Kindergartensache_ wesentlich
beigetragen. Jeder, der die Angelegenheit objektiv prfte, mute jetzt zu
der berzeugung kommen, da die Vorstellung, wie sie Beetz und viele
andere Schulmnner vom Kindergarten hatten, unrichtig ist. Die Idee des
Kindergartens ist viel grer, als die meisten ahnen. Nicht
_Sonderanstalten_ wollte Frbel schaffen, Sonderanstalten, die neben
Schule und Familie ein getrenntes, ein Sonderdasein fhrten, sondern die
gesamte frheste Erziehung wollte er durch die Idee seines Kindergartens
auf eine natrliche Grundlage stellen. Gewi hat Frbel in vielen Stdten
Kindergrten als besondere Anstalten gegrndet und gewi mssen in jedem
Ort solche Einrichtungen geschaffen werden, das gehrt mit zur Idee seines
deutschen Kindergartens. Diese einzelnen Kindergartenanstalten sind aber
noch _nicht die eigentliche Verwirklichung der Idee_. Sie sind nur ein
Teil der Verwirklichung, sie sind in der Hauptsache nur _Mittel zur
Verwirklichung_ der Idee. Als _Teil_ der Verwirklichung mu man sie
ansprechen, soweit sie die Familienerziehung _ergnzen_, d. h. soweit sie
Kindern, die in der Familie nicht den fr die kindliche Entwicklung
ntigen Kreis gleichaltriger Geschwister haben, Kameraden und
Gemeinschaftsleben bieten, bzw. indem sie Kindern, die daheim infolge
wirtschaftlicher und sonstiger Nte keine Erziehung genieen knnen, diese
geben. Als _Mittel_ zur Verwirklichung der Idee sind sie dort anzusehen,
wo sie Pfleg- und Anschauungssttten der neuen Erziehungs_gesinnung_ sind.
Gerade dieser Gedanke war Frbel besonders wichtig. In jeder - auch der
kleinsten - Gemeinde sollte neben Kirche und Schule ein Kindergarten
bestehen - weniger unmittelbar der Kinder, als vielmehr der Frauen und
Mtter wegen. Zu ihm sollten die heranwachsenden Mdchen und jungen Frauen
kommen - getrieben von ihrem mtterlichen Instinkt, von dem ihnen
angeborenen Pflegesinn, von der hheren Liebe zur Kindheit, um sich hier -
als Grtnerinnen an der Kindheit - zu bettigen, um nach dem Vorbild und
unter der Anleitung _einer echten Kindergrtnerin_ ttig zu sein und zu
lernen, dadurch ihr Edelstes zu strken und zu entfalten, sich dadurch
ihres Frauen- und Muttertums immer klarer bewut und auf diese Weise in
hherem und geistigerem Sinne _Mutter_ zu werden.

Hier liegt fr Henriette Goldschmidt der Kernpunkt der ganzen Frage: _Die
Entfaltung des innersten weiblichen Wesens, die Erhebung ihres bisherigen
instinktiven passiven Tuns zu wirklicher, zu bewuter schpferischer
Kulturleistung_ ist nur mglich mit Hilfe des Kindergartens. Sie sieht
keinen anderen Weg. _Hier allein bietet sich dem weiblichen Geschlecht
Gelegenheit, __durch Tun und Arbeit (an den Kindern) seine ureigensten
Krfte und Anlagen zur Entwicklung zu bringen und im steten Hinblick auf
die Idee Frbels sich des ewigen Wesens der Frau und ihrer tiefsten
Bestimmung bewut zu werden._

Der Frauenwelt dieses hohe Ziel fr die Entwicklung gesteckt und ihr im
Kindergarten zugleich den Weg zu diesem Ziel gezeigt zu haben, das ist -
nach Henriette Goldschmidts Meinung - die groe historische Mission
Friedrich Frbels gewesen.

Wer von der Verwirklichung dieser Idee einen Zusammenbruch der Familie
befrchtet, wie dies Beetz tut, der kann die Idee in ihrer ganzen Gre
nicht erfat haben. Wenn irgend etwas, so ist Frbels Idee des
Kindergartens ein Schritt zur Vergeistigung und Erhhung des
Menschengeschlechts.

"_Baut das Haus zum frohen Kindergarten!_" hatte Frbel den Mttern
zugerufen. Das sollte nicht heien - wie das spter flschlicherweise oft
ausgelegt wurde - "sammelt Gelder, damit wir das Haus fr einen
Kindergarten bauen knnen", sondern Frbel meinte damit: Macht euer Haus,
macht jedes Haus zu einem Kindergarten! _Jede Familienstube __ein Garten
der Kindheit!_ Jede Mutter in diesem Sinne eine Kindergrtnerin,
ausgezeichnet durch Liebe und echten Pflegesinn, ihren Beruf bewut als
Kulturberuf ausbend, geadelt von der Erkenntnis, da Geistiges, da
Gttliches ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist. Wenn man sich in Frbels
sinnigstes und eigenartigstes Werk vertieft, in seine "_Mutter- und
Koselieder_", dann wird einem das Ideal dieser Mutter deutlicher.

Wo ein _Weib dieser Art_ wirkt, sei es in der Familie, sei es in einer
besonderen Anstalt fr Kinder - in einer Kleinkinderbewahranstalt, in
einem Waisenhaus, in einer Schule - _da ist ein wirklicher Kindergarten_.

_Und berall, wo Kinder sind, da sollte ein solcher Garten der Kindheit
entstehen._ Das ist Frbels sehnlichster Wunsch. Darum ruft er: "Baut das
Haus zum frohen Kindergarten!" - Knnen daran unsere deutsche Familie und
unser Volk zugrunde gehen, wie Beetz befrchtet? Das Gegenteil wrde
eintreten. Darum sollten wir alles tun, um mglichst viele solcher Mtter
zu erhalten. _Damit fhrt Frbels Kindergartenidee hinber ins Gebiet der
Frauenbildung._




                    3. Ihre Reform der Frauenbildung.



                    a) Kindergrtnerinnen-Ausbildung.


Aus den bisherigen Ausfhrungen ergibt sich mit Notwendigkeit, da
zunchst echte _Kindergrtnerinnen_ herangebildet werden mssen, die in
der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken knnen. Denn erst, wenn
in jeder Gemeinde eine von wahrer Grtnergesinnung erfllte gebildete Frau
als Leiterin des Kindergartens ttig ist, erst dann ist ja die
Voraussetzung dazu erfllt, da alle heranwachsenden Mdchen und jungen
Mtter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu
wahren Pflegerinnen der Kindheit.

Diese Notwendigkeit hatte schon Frbel erkannt. Daher bemhte er sich
bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden,
Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mdchen und Frauen zu
solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode
setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine
zweite Frau (Louise Frbel), diese Arbeit fort. Spter entstanden in
vielen Stdten Deutschlands besondere "_Seminare fr Kindergrtnerinnen_".
Die preuische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse fr
Kindergrtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erlie
besondere Vorschriften fr die staatliche Prfung der Kindergrtnerinnen.
Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.

Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar fr
Kindergrtnerinnen gegrndet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine
der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der
besten.

Der Ausbau der Kindergrtnerinnen-Seminare stie auf groe
Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher
erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war
bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzglicher
Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemer Weise bernehmen konnten.
Beim Kindergrtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder vlligen
Neuschpfung war auch hier zunchst nur ein chaotischer Zustand vorhanden,
aus dem sich erst ganz allmhlich festere Formen heraus entwickelten. Da
sich dieser Klrungs- und Gestaltungsproze vollzog, da mehr und mehr die
frhere "vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhltnisse abhngige
Bildnerei der Kindergrtnerinnen" einem geordneten systematischen Lehrgang
wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie
bte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklrte sie auf der
Hauptversammlung des "Deutschen Frbelverbandes" in Magdeburg - also vor
den versammelten Leiterinnen der Kindergrtnerinnen-Seminare Deutschlands:
"Gestehen wir es uns offen, _unsere Seminare_, die Fachschulen, die einer
Anzahl von jungen Mdchen, die fter der Not gehorchen als einem inneren
Drange, die Vorbereitung zur Kindergrtnerin geben, _entsprechen nicht der
Idee Frbels_, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden
Bestimmung willen zu ganz gleicher Hhe wie das mnnliche zu erheben." -

Man hatte in der Ausbung des Kindergrtnerinnenberufs eine
_Erwerbsquelle_ entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen.
Gewi hat Frbel dadurch, da er einen neuen Beruf fr Frauen geschaffen
hat, eben den Beruf der Kindergrtnerin, unendlich viel fr die
"Brotfrage" des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare drfen
nicht dieser Brotfrage wegen gegrndet werden, sie mssen vielmehr stets
der Tatsache eingedenk bleiben, da sie _einer groen Idee entsprungen_
sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer
gewhnlichen Fachschule herab, in der man sich begngt, die Schler
uerlich auf den zuknftigen Beruf zuzustutzen. Diese uerliche
Abrichtung ist aber nirgends gefhrlicher als gerade hier, wo es sich
darum handelt, _Trgerinnen einer neuen Frauenkultur_ heranzubilden. Fr
viele Berufe mag es gengen, die Schler in uerer Technik zu schulen,
_fr den Beruf der Kindergrtnerin gengt es nicht_. In ihr mu der innere
Sinn fr die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie mu
das spezifische Wesen der Frau erkannt, _innerlich erlebt_ haben, sie mu
im Kinde die Kindheit, das Gttliche ahnen: wie kann sie sonst _Pflegerin
der Kindheit_ werden? wie kann sie sonst Mdchen und Frauen zum Bewutsein
ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?

Es gengt also nicht, da die zuknftige Kindergrtnerin auf dem Seminar
in die Handhabung der Frbelschen Gaben und Beschftigungen eingefhrt
wird. Sie mu tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und
Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und
Welterkenntnis.

Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemht,
dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgnge und durch Aufnahme
allgemeinbildender Fcher in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem
Umfange ist ihr die Lsung des schwierigen Problems noch nicht gelungen.
Dessen war sie sich auch vollkommen bewut.

Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der
Schlerinnen erschlieen zu knnen durch die _kulturhistorische
Begrndung_, die sie der Frbelschen Pdagogik gab. Sie ging dabei aus von
dem Wort Frbels: "In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen
Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des
Menschengeschlechts aus, so da das gesamte Menschengeschlecht als _ein_
Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des
Einzelnen nachzuweisen sind." Also: _Die Entwicklung des Einzelnen gleicht
der Entwicklung der Gesamtheit_, oder wie Karl Lamprecht es einmal
ausgedrckt hat: "Der heutige Stand der Wissenschaft lt keinen Zweifel
mehr daran bestehen, da die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur
physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der
Rasse verluft. Die natrliche Konsequenz dieser Tatsache ist, da, um die
Entwicklung der Rasse zu verstehen, es ntig ist, die Wissenschaft der
Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt.
Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in
vielen Punkten verluft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte,
die man als Prhistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf,
die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen
stehenden Naturvlker eigentmlich sind."

Dieses _biogenetische Grundgesetz_, wie man es in der Wissenschaft genannt
hatte, spielte in der Pdagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts
eine Rolle. Der Leipziger Universittsprofessor Ziller wollte die
Verteilung des Lehrstoffes fr die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes
vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermgen der Kinder am
besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht
"_Kulturstufen_". Den gesamten Unterricht whrend eines Schuljahres
gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefhr der
geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar
hatte er ausgewhlt:

fr das erste Schuljahr:       zwlf Mrchen der Gebrder Grimm,
fr das zweite Schuljahr:      Robinson,
fr das dritte Schuljahr:      die Geschichten der biblischen
                               Patriarchen,
fr das vierte Schuljahr:      die Geschichte von Moses usw.

Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen
Grundgesetzes nachzuprfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die
praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu errtern. Uns interessiert
hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses
Gesetzes die zuknftigen Kindergrtnerinnen in das Verstndnis der
Frbelschen Pdagogik einfhrte. Hren wir sie selbst! - In ihren "Ideen
ber weibliche Erziehung" (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige
Andeutungen darber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt:
"Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der
Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden bel hat mit dem Bebauen des
Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt,
enthielt auch den Kern 'mit der Frucht geschwellt', die unser
vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen
Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermglicht ein inniges vertrauliches
Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind
sie nicht die Last, die auf Streifzgen gar nicht mitgenommen werden
konnten, deren Ttung als Wohltat betrachtet wurde - sie knnen in den
Rumen versorgt, gepflegt, behtet werden, die eine bestimmte Umgrenzung,
eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt,
Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird
zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes,
wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der
Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen fr die
Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem
Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der
Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt
der Handels-, Kaufmannsstand, 'der Gter zu suchen ausgeht, an dessen
Schiff das Gute sich knpft'. Die religise, die wissenschaftliche, die
knstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten
Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschftigung mit der
Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Gttlichen - zu
dem 'ber Zeit und Raum thronenden hchsten Gedanken.'

Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen
bezeichnen, einen festen Punkt fr die Erziehung des Einzelnen in unserer
Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemen
Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rcksicht auf die
Erziehungsaufgabe im einzelnen? Entwicklung bedeutet ja bei dem Menschen
nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu ntzt es
uns, auf die primitiven Stufen zurckzugehen? Wir werden nicht jedes Kind
erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt fr die
Kultur empfngt. Gewi, so wenig 'Entwicklung' bei dem Menschen
Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig knnen wir uns von den
allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslsen, da wir nicht mit
ihnen anfangen mten. Die ersten Kulturstufen knnen niemals von den
folgenden ganz berwunden werden, sie sind auch fr die nchsten zu
benutzen. Jeder Mensch fngt noch heute als ein Kind an und deshalb als
ein '_Naturwesen_', und so steht das Kind bei seiner Geburt viel nher dem
Zustande der Naturvlker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden
demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als
'_Naturwesen_' zu achten und zu beachten haben und zunchst die
Bedingungen erfllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. _Die
Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschpfes._ Doch wir
werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir
aus der Beachtung eines naturgemen sittlich-geistigen Entwicklungsganges
gewannen. Wir sehen, da auch die sittlich-geistigen Einflsse durch die
verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedrfnisse bedingt sind,
und wir werden folgerichtig schlieen, da die sittliche Gewhnung des
Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat."
(S. 53 ff.)

"Das Eleusische Fest" von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt fr
diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer greren Schrift "Was ich
von Frbel lernte und lehrte" hat sie sich ber diesen wichtigen Teil
ihres Unterrichts weiter verbreitet.



                       b) Allgemeine Frauenbildung.


_Friedrich Frbel_ hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven
Tuns der Frau zu einer bewuten Kulturleistung, also die kulturelle
_Hherentwicklung_ des weiblichen Geschlechts "von seinem Wesen aus" nur
mit Hilfe der Kindergrtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergrten
gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten
Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.

_Henriette Goldschmidt_ ging in dieser Beziehung ber Frbel hinaus. Sie
fate die Aufgabe weiter. Zwischen Frbel und ihr lag eben - schon rein
zeitlich betrachtet - der Anfang der deutschen Frauenbewegung. Von einer
neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen
Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette
Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung
beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.

Um das ganz zu verstehen, mu man bedenken, da die Mdchen damals noch
vom Besuch ffentlicher hherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab fr
sie nur private - zum Teil recht minderwertige -
Fortbildungseinrichtungen.

Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung
zu erhalten als die Mnner, entstand die Gefahr, die fr Knaben bestimmten
Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkmpferinnen fr
Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen
erkannte von vornherein, da es ein Widerspruch wre, mit den bisherigen
(also auf Mnner zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und
Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den
mtterlichen Instinkt zum Bewutsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt
ihr Wirken fr Frauenbildung die starke, _spezifisch weibliche Note_.
Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage ber
"die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben" jede Nachahmung
der Knaben- und Mnnerbildungsanstalten ablehnen und erklren: "_Nur durch
ein ganz verndertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres
Geschlechtes vor sich gehen._"

In Frbels Pdagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie sprte in seiner Idee,
den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die
Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. "Zum ersten Male,"
schrieb sie 1909, "erhielten die Frauen (durch Frbel) nicht nur guten Rat
und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen
Pdagogik, sondern eine _Lehre_ in systematischer Form, eine neue Lehre
von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis."

_Anders_ also sollte der Bildungsgang des Weibes sein als der des Mannes,
andersartig aber _nicht minderwertiger_, nicht "leichter", nicht
"bequemer", nicht "oberflchlicher". Im Gegenteil! An Arbeit, an harte
Arbeit soll das weibliche Geschlecht sich gewhnen. Das fand damals -
besonders bei den Frauen der hheren Schichten - noch viel Widerspruch.
Aber in ihrem tiefsinnigen Vortrag "Die Frauenfrage eine Kulturfrage"
(1870!) zerstreute sie diese Bedenken mit folgenden feinen und klugen
Worten: "_Die Arbeit_, die sich segensreich bewhrt auf allen Gebieten des
Lebens, die Ausbildung des Geistes, die bei unsern Mnnern die
Gemtsinnigkeit steigert, _sollte fr die Frau gefhrlicher sein als die
Ausbildung des Phantasie- und Genulebens_? Ich meine, selbst die
weitgehendste wissenschaftliche Ausbildung, selbst eine einseitigste
Berufsbildung stellt uns auf den Boden der Pflicht und bildet den
Menschen. Denn arbeiten mu der ganze Mensch, weder die Phantasie allein,
noch das Herz allein. In der Arbeit kommt Herz und Geist zur
Durchdringung, zur bereinstimmung, zur Einheit; die Arbeit schafft den
Charakter, und _Charakter sollen auch unsere Frauen haben_, nicht
willenlose Schwrmerei, nicht Phantasterei, nicht lethargisches
Genuleben."

Die wichtigste Sorge ist ihr nur, da die Bildung des weiblichen
Geschlechts auch Frchte trage, da sie zu positiven Leistungen fhre. Sie
hat ein sehr richtiges Gefhl dafr, da nmlich durch die den Frauen
eingerumten Rechte auf Bildung dem weiblichen Geschlechte auch Pflichten
erwachsen, da man von ihm nun eine tatschliche Bereicherung bzw.
Veredelung unseres Kulturlebens erwarten wird. Ob die Frau, soweit sie in
Schule und Beruf in den Bahnen des Mannes wandelt, zu fruchtbarer
Kulturarbeit sich wird erheben knnen, erscheint ihr mindestens
zweifelhaft. Wenn sie dagegen "von ihrem Wesen aus", innerhalb ihrer
Bestimmung sich ungehemmt entfalten kann, dann wird sie Kulturleistungen
hervorbringen, Kulturleistungen, deren der Mann nicht fhig ist. Das ist
Henriette Goldschmidts fester Glaube.



Es kommt also alles darauf an, die Frauenbildung _naturgem_ zu
gestalten, sie zu grnden auf das Wesen, auf die Natur des Weibes. Darum
ist ihr "der Pflegesinn des Weibes, seine seelische Besonderheit, seine
ihm eigentmliche Aufgabe" Mittelpunkt fr den Lehrplan und Ziel aller
hheren weiblichen Fortbildung (nach Verlassen der Schule!). Pflegen und
Erziehen mu dem weiblichen Geschlechte nicht nur als wichtigste, sondern
zugleich als schnste Aufgabe des Lebens erscheinen.



Die Entfaltung dieses idealen Sinns denkt sich Henriette Goldschmidt nicht
nur mit Hilfe der Frbelschen Pdagogik - wenn auch durch sie in erster
Linie -, sondern auch durch Einfhrung in die Ideenwelt unserer Klassiker.
Sie hat erkannt, da es von groem erziehlichen Einflu ist, wenn "unsere
Jugend ihre Ideale durch die Erkenntnis der Ideale unserer Klassiker
lutert". In diesem Sinne schreibt sie in ihren "Ideen ber weibliche
Bildung" (1882): "Ich bin mir bewut, da meine Ansichten dem Geiste einer
Zeit verwandt sind, die unmittelbarer unter dem Einflusse unserer
klassischen Literatur, eines Herder, Lessing, Schiller sich befand, als
die unsrige. Mag eine gelehrte Jugend lcheln ber die Trume einer
idealistisch gestimmten Vergangenheit. _Wir leben der berzeugung, da das
deutsche Volk mehr als einmal im Laufe seiner Entwicklung zurckkehren_
wird zu den Idealen jener Zeit, und da es auch aus dem Drucke unserer
pessimistisch-materialistisch gestimmten Gegenwart, die ihren Gegensatz in
einem romantisch sinnlich-bersinnlichen Rausche sucht, erwachen mu bei
dem Morgenlichte jener einzigen Zeit, die unsere Dichter und Denker
heraufgefhrt. In diesem Sinne und im Zusammenhange mit den groen
Pdagogen auerhalb der Schule hat sich mir das Verstndnis der
Frbelschen Erziehungslehre erschlossen, und in diesem Sinne mchte ich zu
ihrem Verstndnis anregen." (S. 26.)

Damit ist in allgemeinen Zgen der Charakter einer hheren
Fortbildungsschule fr Mdchen bzw. Frauen gezeichnet, wie sie Henriette
Goldschmidt vorschwebte. Der Kindergarten und die Arbeit in ihm ist das
Fundament, auf dem sie aufgebaut ist. Jedes heranwachsende Mdchen sollte
durch ihn hindurchgehen! Eine Art _weibliches Dienstjahr_ schwebt ihr vor.
In unseren Tagen wird viel von einem "Freiwilligenjahr der Frau" geredet.
Da ist es nicht uninteressant, festzustellen, da dieser Gedanke nicht so
funkelnagelneu ist, wie manche glauben. Bereits _1868_ hat Henriette
Goldschmidt auf der Generalversammlung des "Allgemeinen deutschen
Frauenvereins" in Braunschweig dieser Idee mit folgenden Worten Ausdruck
verliehen: "Die Mnner zahlen ihre Schuld dem Vaterlande, indem sie es
gegen den Feind verteidigen, und indem sie die Brger gegen Gefahren
schtzen. _Vertreter des Volks, wir Frauen verlangen eine gleiche Last!_
Alle jungen Mdchen mten, ehe sie heiraten, _wenigstens ein Jahr lang_
tglich mehrere Stunden in den Hospitlern zubringen, in den
Wohlttigkeitsanstalten, in allen Orten, die zum Schutz der Unglcklichen
gestiftet sind. Hier mten sie die augenblickliche und natrliche
Erregtheit ihres weichen Herzens, die vorbergehend und deshalb
unfruchtbar ist, in ein ttiges Gefhl verwandeln. Die Frauen mten auch
den Eid der Treue leisten, und zwar nicht dem Staat, sondern Gott und den
Armen - und nachdem sie ihre Pflicht getan haben, ebensogut und ebenso
stolz wie der Soldat sagen knnen: 'Ich habe gedient'." -

Spter wollte sie dieses "Dienstjahr" ausschlielich auf dem Gebiete der
Erziehung abgeleistet wissen. So schrieb sie 1918: "Das Dienstjahr fr die
weibliche Jugend sei ein Lehrjahr in einer gutgeleiteten Frbelschule."
Und sie fgt hinzu, warum sie gerade den Kindergarten fr die geeignetste
Sttte zur Ableistung der weiblichen Dienstpflicht hlt: Der "Schrei nach
dem Kinde" ertnt jetzt lauter denn je. "Hier, im Kindergarten, ist die
Sttte, _wo der Wille zum Kinde_ in der keuschesten Weise in den
jugendlichen Gemtern erweckt wird und das mtterliche Gefhl in einer
unserer Kultur gemen Weise sich bettigt."

Jedenfalls soll die heranwachsende weibliche Jugend zu der Erkenntnis
gefhrt werden, da _die Erziehungsaufgabe eine wichtige allgemein
menschliche Angelegenheit_ ist, insbesondere eine Pflicht des weiblichen
Geschlechts, auf deren Ausbung man sich vorbereiten mu. Da in dieser
Beziehung bisher eine Lcke in unserem Schulwesen bestand, brachte
Henriette Goldschmidt ihren Lesern bzw. Hrern gern dadurch zum
Bewutsein, da sie ein Wort des Philosophen _Herbert Spencer_ zitierte,
nmlich folgendes: "Wenn durch irgendeinen Zufall keine Spur von uns bis
auf die ferne Zukunft erhalten bliebe, auer einem Haufen unserer
Schulbcher oder einigen Prfungsheften der Schule, so knnten wir uns
ausmalen, in welche Verlegenheit ein Altertumsforscher jener Periode kme,
in ihnen keine Zeichen zu finden, da die Schler jemals mglicherweise
Eltern werden wrden. Wir knnen uns vorstellen, da er folgendermaen
schliet: _Dies mu der Schulplan fr die ehelosen Stnde gewesen
sein ..._ ich finde nicht die geringste Bercksichtigung der
Kindererziehung. Sie konnten nicht so tricht sein, fr diese schwerste
aller Verantwortlichkeiten jeglichen Unterricht zu unterlassen. Offenbar
also war dies der Schulkursus eines ihrer Klosterorden."

Die Verwirklichung ihrer Ideen ber allgemeine weibliche Hherbildung
versucht sie in ihrem, 1878 gegrndeten, "_Lyzeum fr Damen_" in Leipzig
(jetzt "Frbel-Frauenschule"). - 1911 hat sie in ihrer Denkschrift "Vom
Kindergarten zur Hochschule fr Frauen", unter Anlehnung an das 1878
erschienene erste Programm dieser Anstalt, _das Wesen dieser neuartigen
hheren Frauenbildungssttte_ in folgender Weise dargelegt:

"Das Lyzeum will der Idee dienen; '_das instinktive passive Tun der Frau_'
auf ihrem _eigensten_ Gebiete in ein _bewutes_ zu wandeln: es will die
weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stnde mit dem Wissen
und Knnen ausstatten, das der Erziehungsberuf innerhalb der _eigenen_
Familie erfordert. _Der Erziehungsberuf der Frau ist als gleichwertig der
Berufsbildung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vorbereitung._

Kein Mann beschrnkt sich, darf sich auf diejenige Wissenschaft
beschrnken, die seine Fachbildung erheischt. Der Arzt studiert nicht nur
Naturwissenschaften, der Jurist nicht nur Rechtswissenschaft, der
Geistliche nicht nur theologische Schriften usf., - sondern ein jeder
lernt sein besonderes Fach erst recht kennen, wenn er durch das Studium
der Geschichte, Literatur, Philosophie usw. Klarheit ber die Stellung
gewinnt, die seine Spezialwissenschaft innerhalb der Gesamtwissenschaft
einnimmt.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat das Lyzeum in seinem Lehrplan:
Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften
und die Fortfhrung des fremdsprachlichen Unterrichts aufgenommen.

Das Lyzeum wre aber keine hhere Lehranstalt fr die weibliche Jugend,
wenn nicht Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre,
Psychologie den Mittelpunkt des Planes bildeten.

Das Lyzeum wre keine hhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer neuen
Pdagogik, wenn es sich mit theoretischen "anschauungslosen Definitionen"
begngte. "Erziehung" verlangt: "Willen und Knnen." Dieses Wollen und
Knnen ist durch Frbels Lehre und Methode gegeben: die letztere verlangt
knstlerische bungen, das Zeichnen, das Tonen usw. - Gymnastik und
Gesang.

Das Lyzeum wre aber auch keine hhere Lehranstalt im Sinne und Geiste
_unserer auf soziale Hilfsarbeit gerichteten Zeit_, wenn es die weibliche
Jugend nicht zu solcher Hilfsarbeit erzge. _Das Lyzeum steht in
Verbindung mit den Volkskindergrten_ und gibt den jungen Mdchen
Gelegenheit zum Verkehr mit den Kindern des Volkes, - zur Dienstleistung
fr dieselben. Es bahnt den Weg zum Verstndnis und zur Wrdigung der
sogenannten untern Stnde und zur Vershnung der schroffen Gegenstze
innerhalb der verschiedenen Glieder der Volksfamilie.

Das Lyzeum ist bestrebt:

   1. die Kluft berbrcken zu helfen, welche zwischen mnnlichem und
      weiblichem Geistesleben, namentlich in den hheren Stnden vorhanden
      ist,
   2. das instinktive, passive Tun der Frau in ein bewutes zu wandeln,
      damit sie den mtterlichen Erziehungsberuf in seiner ganzen
      Bedeutung und Verpflichtung erkenne,
   3. in der weiblichen Jugend das Gefhl und das Gewissen zu erwecken fr
      unsere sozialen Notstnde, - sie aufzurtteln aus dem trgen
      Genuleben, in dem mehr Krfte verbraucht werden als in der
      angestrengtesten Ttigkeit.

In aller Krze haben wir die _idealen_, die _humanen_ Ziele des Lyzeums
bezeichnet.

Das Lyzeum wre aber keine hhere Lehranstalt im Sinne und nach den
Forderungen unserer auf die _wirtschaftliche Selbstndigkeit_ der Frau
gerichteten Zeit, wenn es nicht zur Lsung der so brennend gewordenen
Erwerbsfrage beitragen knnte."

Die Berufe, fr die das Lyzeum vorbereitet, sind:

   a. Erzieherin in der Familie,
   b. Leiterin von Kindergrten und hnlichen Anstalten,
   c. Lehrerin der Frbelschen Pdagogik an Kindergrtnerinnenseminaren.

Henriette Goldschmidt erkannte aber bald, da in dem engen Rahmen eines
"Lyzeums fr Damen" ihre groe Idee nicht volle Verwirklichung finden
konnte. Darum erhob sie fast jedes Jahr in den Programmen des Lyzeums den
Ruf:

"_Das Lyzeum soll zu einer Hochschule sich gestalten_, an der
wissenschaftlich tchtige Mnner und Frauen unserer weiblichen Jugend zu
dem schwierigsten, verantwortlichsten und idealsten Berufe, dem der
Erziehung des Geschlechtes der Zukunft die Weihe der Wissenschaft geben."

Der Gedanke einer Hochschule fr Frauen war nicht neu. Bereits im Dezember
1849 war der Plan, solche Hochschulen zu grnden, in _Hamburg_
aufgetaucht, und zwar in Frbelkreisen. Es bildete sich damals in der
Hansestadt ein "Allgemeiner Bildungsverein deutscher Frauen", aus dessen
Statuten in diesem Zusammenhang folgendes interessiert:

"1. _Zweck_: Verbreitung humaner Bildung ohne Rcksicht auf konfessionelle
Unterschiede.

2. _Bildungsmittel_: Hochschulen fr das weibliche Geschlecht,
Kindergrten, Verbindung der Erziehung der Familie mit dem Unterricht der
Schule, Armenpflege, Krankenpflege.

3. _Stellung_: Hamburg ist vorlufig der Sitz des Zentralvereins, welcher
zur Frderung der allgemeinen Zwecke sich mit allen deutschen
Frauenvereinen in Verbindung setzt. Diese schlieen sich dem Zentralverein
an, indem sie sich zu regelmiger Untersttzung der gemeinsamen Zwecke
verpflichten.

4. _Das erste gemeinsame Unternehmen_ ist die Stiftung einer Hochschule
fr Mdchen in Hamburg in Verbindung mit der Befrderung der
Kindergrten."

Im Januar 1850 wurde die neue Anstalt erffnet. Ein Neffe Friedrich
Frbels: _Carl Frbel_ war ihr erster Rektor. Ihm zur Seite stand ein
Verwaltungsausschu, dem folgende Frauen angehrten: Emma Isler geb.
Meyer, Bertha Traun geb. Meyer, Elise Bieling geb. Strm, Mathilde Seybold
geb. Mohrmann, Henriette Salomon geb. Goldschmidt, Emilie Wstenfeld geb.
Capelle.

Auch Friedrich Frbel, der whrend des Winters 1849/50 in Hamburg weilte
und pdagogische Vortragskurse abhielt, untersttzte die junge Anstalt.
Zur Charakterisierung der Hamburger Frauenhochschule sei aus dem ersten
Programm derselben noch folgendes mitgeteilt:

"Die Anstalt soll erwachsenen Mdchen nach vollendetem Schulkursus eine
weitere Ausbildung gewhren, die alles umfat, was das praktische,
gesellige und geistige Leben in seinen hchsten Sphren von gebildeten
Frauen verlangen kann.

Die eigentlichen Schlerinnen, von welchen eine Ausbildung nach allen drei
Richtungen gewnscht wird, wohnen als Pensionrinnen in dem Pensionshause
der Anstalt, welchem Professor Carl Frbel und seine Frau Johanna Frbel
geb. Kstner vorstehen. Wenn die Zahl der Pensionrinnen zwanzig
bersteigt, wird ein zweites Pensionshaus errichtet.

Zur bung fr das praktische Leben werden die Schlerinnen auf mglichst
zweckmige Weise mit den Haushaltsgeschften und der dazu ntigen
Buchhaltung vertraut gemacht. In dem zur Anstalt gehrenden Kindergarten
lernen sie die erziehende Beschftigung und naturgeme Behandlung der
Kinder kennen.

Fr das gesellige Leben bieten auer der Anstalt die Familien des
Bildungsvereins und andere die den Schlerinnen wnschbaren Gelegenheiten
dar.

Der wissenschaftliche Unterricht wird in halbjhrliche Lehrkurse
eingeteilt und zum Teil in Vortrgen, zum Teil an bungen geknpft.

Auch auer der Anstalt wohnende Mdchen und Frauen werden zur Teilnahme an
den Lehrkursen als Hochschlerinnen oder als Zuhrerinnen einzelner
Vorlesungen zugelassen."

Der erste _Lehrplan_ der Hamburger Frauenhochschule umfate: Einleitung in
die Philosophie, Erziehungslehre, Erklrung der Gedichte Schillers,
Geschichte der Religionen, Englisch, Franzsisch, Geschichte, Geographie,
Literatur, Sprachlehre, Formenlehre, Zeichnen, Gesang, bungen im
Kindergarten.

Auerdem war den Hochschlerinnen Gelegenheit gegeben, an den auerhalb
der Anstalt stattfindenden Vortrgen Friedrich Frbels teilzunehmen.

Es herrschte ein frisches, geistig reges Leben in der jungen
Frauenhochschule. _Malvida von Meysenbug_, die die Anstalt damals
besuchte, erzhlt anschaulich davon in ihren berhmten "Memoiren einer
Idealistin":

"Ich war keine junge Schlerin mehr, ich war ein gereiftes Wesen, das aus
den Konflikten des Daseins zu der einzig wahren Zuflucht flchtete, zu
einer edlen nutzbringenden Ttigkeit. Ein eigenes, beinahe feierliches
Gefhl erfate mich, als ich die Schwelle des Hauses, in welchem ich ein
neues Leben beginnen wollte, berschritt." Und dann schildert sie ihr
Bekanntwerden mit Frbels pdagogischem System: "Ich hatte bereits davon
reden hren, sah es hier zuerst in der Praxis (in dem Kindergarten der
Hochschule!) und war entzckt davon. Psychologisch tief und geistvoll fand
ich alle Grundstze, welche Frbels System zugrunde liegen und worin sein
eigentlicher Wert besteht. Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war
eine wahrhaft beglckende."

Die Hochschlerinnen wurden aber nicht nur in das Reich des Geistes
eingefhrt, sondern sie muten auch husliche Arbeiten verrichten. Malvida
von Meysenbug erzhlt z. B. u. a.: "Einmal in der Woche standen wir im
Garten frhlich um einen Waschtrog, und whrend die Hnde Wsche rieben,
besprachen wir Gegenstnde aus den Vortrgen oder sonst wichtige Fragen.
Wir taten die grbere Arbeit, weil es zum Vorteil der Anstalt diente, die
unser allerhchstes Interesse war, und wir fhlten uns dadurch nicht
gedemtigt. Viele der begabtesten Schlerinnen, denen bisher jede
husliche Beschftigung ein Greuel war, suchten diese jetzt mit der
geistigen Arbeit zu vereinen. Die Leichtsinnigen wurden ernst, die Faulen
fleiig. _Es __war eine Strmung, die sie alle zum Guten fortri_."

Der jungen Anstalt war aber nur ein kurzes Dasein beschieden. Sie fiel der
- nach der Revolution von 1848 - einsetzenden Reaktion zum Opfer. Die
Beziehungen der Hamburger Frauenhochschule zu den _freireligisen
Gemeinden_ gengten den Gegnern, die Anstalt durch gedruckte Pamphlete zu
verdchtigen. Sie wurde "als ein Herd der Demagogie dargestellt, wo unter
dem Mantel der Wissenschaft revolutionre Plne geschmiedet wrden." Viele
Eltern wurden dadurch irre gemacht und erlaubten ihren Tchtern nicht den
Besuch der Schule. Der Mangel an Hrerinnen brachte die Anstalt in
finanzielle Schwierigkeiten, und sie mute geschlossen werden.

Vielleicht wre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten,
wenn man sich dazu htte entschlieen knnen, dem damals herrschenden
Geist der Reaktion Zugestndnisse zu machen. Aber das wollte man nicht.
"Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu
berlassen, als einen Kompromi mit der alten Welt zu machen." Die
Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt
Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: "Die Erfahrung war
gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur vlligen
Freiheit der geistigen Entwicklung, zur konomischen Unabhngigkeit und
zum Besitze aller brgerlichen Rechte zu fhren, war in die Bahn zur
Verwirklichung getreten: _Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben._ Wir
zweifelten nicht, da viele von denen, welche seine erste Inkarnation in
unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen vlligen Triumph sehen
wrden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt."

Diese Hoffnungen erfllten sich - durch _Henriette Goldschmidt_.

Eine der Mitbegrnderinnen der Hamburger Frauenhochschule - und zugleich
eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise - _Emilie Wstenfeld_ -
stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette
Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persnlich und Henriette
Goldschmidt nannte spter Emilie Wstenfeld "ihre liebe
Gesinnungsgenossin", da diese, ebenso wie sie selbst, "eine Reform der
Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage fr die
Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend _als notwendigen
Ausgangspunkt fr den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit_ fr
notwendig hielt," vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb
eine "liebe Gesinnungsgenossin", weil Emilie Wstenfeld Henriette
Goldschmidts berzeugung teilte, "_da dieser Ausgangspunkt in der
glcklichsten Weise in der Pdagogik Frbels vorhanden_" sei.

Das also war die historische Grundlage fr Henriette Goldschmidts _Idee
einer Frauenhochschule_.

Im Jahre 1910 endlich - sie war inzwischen 84 Jahre alt geworden - erhielt
Henriette Goldschmidt eine groe Stiftung zur Verwirklichung ihres
Gedankens.

Und nun ging sie ans Werk.

Bereits im Oktober 1911 konnte die neue Anstalt in ihrem stattlichen Heim
zu Leipzig erffnet werden.

_Klarer und zielsicherer als einst die Hamburger Frauenhochschule wollte
die Leipziger Anstalt den groen Gedanken Frbels verwirklichen_, den
Gedanken, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven Ttigkeit zu
entheben und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitpflegenden
Bestimmung ganz zu derselben Hhe wie das mnnliche Geschlecht zu erheben.
- Das erste (von Henriette Goldschmidt entworfene) Programm der neuen
Anstalt verkndete daher: "Die Hochschule will

   1. der Frau fr die Ausbung des mtterlichen Erziehungsberufes eine
      auf grndlicher Einsicht beruhende Vorbereitung geben und
   2. die Frau befhigen, sich den mannigfaltigen gemeinntzigen Aufgaben,
      die ihr innerhalb der Gemeinde des Staates und der Gesellschaft
      erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verstndnis fr die
      Bedrfnisse der Gegenwart zu widmen."

Zu diesem Zweck wurde die regelmige Abhaltung "_freier Vorlesungen_" ins
Auge gefat, und zwar wurden drei Gruppen gebildet, nmlich

   I. Vorlesungen fr allgemeine Bildung,
  II. Pdagogische Vorlesungen,
 III. Sozialwissenschaftliche Vorlesungen.

Das Programm sah fr die verschiedenen Gruppen im einzelnen vor:

                "*I. Vorlesungen fr allgemeine Bildung.*

                     A. _Philosophische Vorlesungen_.

   1. Einleitung in die Philosophie,
   2. Geschichte der Philosophie,
   3. Darstellung der Philosophie einzelner hervorragender Denker,
   4. Allgemeine Psychologie,
   5. Ethik,
   6. sthetik.

                     B. _Geschichtliche Vorlesungen_.

Vorlesungen

   1. aus Kulturgeschichte,
   2. aus solchen Abschnitten der politischen Geschichte, die zum
      Verstndnis der Gegenwart dienen,
   3. aus Literaturgeschichte,
   4. aus Kunstgeschichte.

                 C. _Naturwissenschaftliche Vorlesungen_.

Vorzugsweise sind Vorlesungen ber Fragen der Biologie in Aussicht
genommen. Doch sollen auch Geologie, Physik und Chemie in den Umkreis der
Vorlesungen gezogen werden.

                     II. *Pdagogische Vorlesungen.*

   1. Kinderpsychologie,
   2. Vorlesungen aus der Geschichte der pdagogischen Bewegungen,
      besonders des 18. und 19. Jahrhunderts und der Gegenwart,
   3. Geschichte der Erziehung des weiblichen Geschlechts,
   4. Erziehungsprobleme,
   5. Gesundheitspflege in Haus und Schule.

               III. *Sozialwissenschaftliche Vorlesungen*
                (einschl. Staats- u. Rechtswissenschaft).

   1. Vorlesungen allgemeineren national-konomischen Charakters,
   2. Geschichte der Frauenbewegung,
   3. Die soziale Arbeit der Frau,
   4. Die Stellung der Frau im Recht,
   5. Geschichte der politischen Parteien der neuesten Zeit,
   6. Einfhrung in die Staatswissenschaft."

Neben diesen freien Vorlesungen, die fr alle nach Bildung strebenden
Frauen zugnglich sein sollten, die das 18. Lebensjahr vollendet hatten,
waren _Studienkurse_ zur Ausbildung auf bestimmte Frauenberufe vorgesehen.
Der Eintritt in diese Studienkurse setzte eine sachgeme Vorbildung
voraus. Es wurden eingerichtet:

   I. Studienkurse fr Lehrerinnen der pdagogischen Fcher an
      Kindergartenseminaren, Frauenschulen und anderen Lehranstalten und
  II. Studienkurse fr soziale Berufsttigkeit.

Das war die Anstalt, die 1911 als "Hochschule fr Frauen" in Leipzig
erffnet wurde, die Anstalt, die nach Henriette Goldschmidts eigenen
Worten die Krnung ihres Lebenswerkes darstellte und ber deren Pforte ihr
Lieblingswort leuchtete:

          '_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau_'.





     DIE NACHWIRKUNG UND FORTENTWICKLUNG IHRER IDEEN AN DER LEIPZIGER
                          HOCHSCHULE FR FRAUEN.


Zehn Jahre hat die Anstalt als "Hochschule fr Frauen" bestanden. Der im
Voranstehenden abgedruckte Plan von 1911 wurde im Laufe dieser Jahre
vielfach abgendert und erweitert. Aber die treibende Kraft fr all diese
Reformen war nicht eigentlich mehr Henriette Goldschmidt, sondern die
Initiative ging jetzt aus von den verschiedenen _Vertretern der einzelnen
Hauptfcher_, die ihr Lehr- und Arbeitsgebiet - zum Teil auf Anregungen
von auen - erweitern und ausbauen muten. Eine ausfhrliche Darstellung
dieser Entwicklung gehrt daher nicht in eine Biographie Henriette
Goldschmidts. Immerhin wird es den Lesern erwnscht sein, die Nachwirkung
und allmhliche Realisierung der Goldschmidtschen Ideen wenigstens in
groen Zgen kennen zu lernen. Darum seien im folgenden aus der Geschichte
der Leipziger Frauenhochschule die wichtigsten Daten angegeben:

_Im Winter-Semester 1911/12_ wurde die "Hochschule fr Frauen" als Anstalt
des "Vereins fr Familien- und Volkserziehung" mit zusammen 898 Hrerinnen
und Studierenden erffnet. Sie umfate damals drei Abteilungen, nmlich

   a. die _Allgemeine Abteilung_ (in erster Linie fr Hrerinnen
      bestimmt),
   b. die _Pdagogische Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von
      Lehrerinnen der Frbelschen Pdagogik an
      Kindergrtnerinnenseminaren, Frauenschulen usw.),
   c. die _Sozialwissenschaftliche Abteilung_ (bestimmt zur Ausbildung von
      beruflichen und ehrenamtlichen Krften fr das gesamte Gebiet der
      sozialen Arbeit).

Im _Sommer-Semester 1913_ traten neu hinzu besondere Kurse zur
_Fortbildung staatlich geprfter_ und in lngerer Praxis bewhrter
_Krankenschwestern_ fr leitende Posten (Oberinnen, Oberschwestern,
lehrende Schwestern). Im Herbst 1916 wurden diese Kurse in eine
selbstndige Abteilung umgewandelt.

_Ostern 1914_ wurde der umfangreiche, mit allen Einrichtungen moderner
Unterrichtstechnik ausgestattete _Erweiterungsbau_ in Benutzung genommen.
(Knigstr. 18/20).

Vom _Sommer-Semester 1914_ an wurde - nachdem die dazu ntigen
Laboratorien in der Anstalt geschaffen worden waren - die _Naturkundliche
Abteilung_ ausgebaut, die der Ausbildung technischer Assistentinnen fr
medizinische und industrielle Laboratorien dient.

Im _Winter-Semester 1916/17_ erfolgte die rechtliche und finanzielle
Loslsung der Hochschule vom "Verein fr Familien- und Volkserziehung" und
ihre Umwandlung in eine selbstndige, dem schsischen Ministerium des
Kultus und ffentlichen Unterrichts unmittelbar unterstellte _rechtsfhige
Stiftung_.

_Ostern 1917_ wurden Lehrgnge zur Ausbildung staatlich geprfter
_Jugendleiterinnen_ an die Anstalt angegliedert.

Seit _Sommer-Semester 1917_ wurden allmhlich fr alle Abteilungen (mit
Ausnahme der Allgemeinen Abteilung) _staatliche Prfungen_ eingerichtet.

Am _1. April 1921_ lste sich der "_Verein fr Familien- und
Volkserziehung_" auf und vermachte der Hochschule neben seinen
Grundstcken und sonstigen Vermgenswerten seine smtlichen Anstalten
(Frbel-Frauenschule, Seminar fr Kinderpflegerinnen,
Henriette-Goldschmidt-Kinderheim und drei Volkskindergrten).

Am _1. Oktober 1921_ ging die Stiftung "Hochschule fr Frauen" mit ihren
gesamten Anstalten _in den Besitz der Stadt Leipzig_ ber unter
gleichzeitiger Umgestaltung und Verschmelzung der verschiedenen
Lehranstalten zu einem "_Sozial-pdagogischen Frauenseminar_", bestehend
aus folgenden Abteilungen:

_   1. Frauenhochschulkurse_ (bisherige Allgemeine Abteilung).
_   2. Wohlfahrtsschule_ (zur Ausbildung von Wohlfahrtspflegerinnen und
      sonstigen Sozialbeamtinnen auf Grund der staatlichen Prfungsordnung
      von 1921).
_   3. Ausbildungsanstalt fr Jugendleiterinnen_ (Lehrbetrieb und Prfung
      geregelt nach den staatlichen Bestimmungen Sachsens vom 6. Februar
      1918).
_   4. Oberinnen-Lehrgang_ zur Fortbildung staatlich geprfter
      Krankenschwestern fr leitende Stellungen in der Krankenpflege (mit
      staatlich genehmigter Prfungsordnung von 1917).
_   5. Lehranstalt fr technische Assistentinnen_ (mit staatlich
      genehmigter Prfungsordnung vom 15. Oktober 1917).
_   6. Frbel-Frauenschule bzw. Kindergrtnerinnenseminar_ (Lehrbetrieb
      und Prfung geregelt nach den schsischen Bestimmungen vom 6.
      Februar 1918).
_   7. Seminar fr Kinderpflegerinnen_ (ohne staatliche Prfung).
_   8. Soziale Anstalten bzw. bungssttten_
      (Henriette-Goldschmidt-Kinderheim, 3 Volkskindergrten und eine
      Kinderlesehalle).

Es ist hufig die Frage aufgeworfen worden, _warum die Umwandlung der
Frauenhochschule in ein sozial-pdagogisches Frauenseminar erfolgt sei_.

Die Umwandlung hat sich in Wirklichkeit allmhlich ganz von selbst
vollzogen.

Der Entfaltung des innersten Frauentums im Sinne der
Frbel-Goldschmidtschen Idee der allgemeinen Hherbildung des weiblichen
Geschlechts "um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen" (vgl. S.
146 ff.) sollte die Anstalt _ursprnglich_ dienen. Dieser hohen
Kulturaufgabe wegen war bei der Grndung der Name "Hochschule fr Frauen"
gewhlt worden. Man hatte geglaubt, da zahlreiche Frauen rein um dieser
Idee willen die Anstalt besuchen wrden.

Aber die Entwicklung verlief anders.

Die groe Idee der Anstalt wurde nur von ganz wenigen richtig verstanden.
Diese wenigen konnten sich meist aus wirtschaftlichen Grnden nicht eine
hochschulmige Weiterbildung leisten, die nicht mit Sicherheit
unmittelbaren praktischen Nutzen versprach. Die Verhltnisse in unserem
Vaterlande haben es nun einmal mit sich gebracht, da jetzt die meisten
Frauen eine _grndliche Ausbildung fr bestimmte, wirtschaftliche
Sicherheit bietende Berufe_ suchen mssen. Dieses immer strker
hervortretende Bedrfnis nach _solcher_ Berufsbildung bestimmte mit Recht
in der Folge mehr und mehr den weiteren Ausbau der Anstalt (vgl. S.
170-172). Die ursprngliche Idee wurde dadurch allmhlich in den
Hintergrund gedrngt und schlielich ganz vergessen.

Man beschrnkte sich bei der Auswahl der Berufe, fr die die
Frauenhochschule vorbereiten sollte, bewut auf spezifische Frauenberufe,
also auf solche, die den Frauen Gelegenheit geben, ihre ursprngliche
Naturanlage zu entfalten. Es kamen da in erster Linie in Frage die uralten
Domnen der Frauenarbeit: Kinderpflege, Wohlfahrtspflege und
Krankenpflege. Zwar konnte man sich auch auf anderen Schulen dafr
ausbilden. Die Hochschule aber beabsichtigte, fr diese wichtigen
Arbeitsgebiete grndlicher und umfassender, eben hochschulmiger
vorzubereiten, als dies anderswo geschah. - Aber auch dieser Gedanke lie
sich nicht dauernd verwirklichen, da inzwischen der Staat nach und nach
fr alle in Betracht kommenden Frauenberufe allgemeinverbindliche
Ausbildungs- und Prfungsvorschriften erlie, denen sich naturgem auch
die Frauenhochschule anpassen mute, was Erleichterungen ihrer bisherigen
Aufnahme- und Prfungsvorschriften sowie Krzungen ihrer Studienplne
ntig machte.

So war denn die Anstalt im Jahre 1921 tatschlich bereits eine
Berufsschule fr Frauen geworden, die in ueren und rechtlichen
Beziehungen (Aufnahmebestimmungen, Dauer der Ausbildung, Kosten, Prfungen
und Anstellungsmglichkeiten) mit entsprechenden anderen Anstalten in
Deutschland bereinstimmte. Es war daher nur eine letzte Konsequenz dieser
Entwicklung, da beim bergang der Anstalt an die Stadt Leipzig dies auch
im Namen der Schule zum Ausdruck gebracht wurde. Es wre innerlich unwahr
gewesen, wenn der Name "Hochschule" beibehalten worden wre, nachdem die
Entwicklung auerhalb und innerhalb der Anstalt sich im Laufe eines
Jahrzehnts anders vollzogen hatte, als man bei der Grndung der
Frauenhochschule anzunehmen berechtigt gewesen war.

Im gewissen Sinne aber besitzt das Leipziger Sozial-pdagogische
Frauenseminar auch nach seiner Anpassung an die gegenwrtigen
Zeitverhltnisse noch eine gewisse Eigenart, und zwar unterscheidet es
sich durch folgendes von allen hnlichen Anstalten:

1. Die Anstalt hat sich in gewissem Umfang die frheren guten Beziehungen
der Frauenhochschule zur Universitt Leipzig bewahrt, wodurch die
Vielseitigkeit und Qualitt des Lehrkrpers und damit das Niveau sowie der
vorwiegend akademische Charakter des Unterrichtsbetriebs in den hheren
Abteilungen des Sozial-pdagogischen Frauenseminars sichergestellt ist.

2. Die Anstalt vermeidet bewut die Einstellung auf die Fachausbildung fr
nur einen Frauenberuf, wie das die sonstigen Frbelseminare, sozialen
Frauenschulen u. dgl. tun. Die bisherige zehnjhrige Erfahrung hat
gezeigt, wie vorteilhaft es fr die Erweiterung des Gesichtskreises der
Schlerinnen ist, wenn sich an derselben Bildungssttte Lehrer und
Schlerinnen mit den verschiedensten geistigen Interessen und Berufszielen
zusammenfinden. Aus diesem Grunde wird neben grndlicher theoretischer und
praktischer Fachausbildung Gelegenheit geboten zu umfassender allgemeiner
Fortbildung der Schlerinnen nach eigener Wahl. Ohne dem eigentlichen
pdagogischen Grobetrieb das Wort reden zu wollen, mu doch gesagt
werden, da nun einmal ein pdagogischer Zwergbetrieb - wie ihn die
meisten derartigen Anstalten darstellen - von wenigen, besonders gnstig
liegenden Ausnahmefllen abgesehen, in persnlicher und sachlicher
Beziehung nicht die gleiche Leistungsfhigkeit entfalten kann, wie eine
groe ffentliche Lehranstalt.

Henriette Goldschmidt schrieb 1911 im ersten Plan fr die
Frauenhochschule: "_Es fehlt bisher an einer hheren pdagogisch-sozialen
Bildungssttte fr die Frauenwelt._" - Und sie hatte Recht. berall
bestanden pdagogische und soziale Berufsschulen fr Frauen _nur
getrennt_. Unsere moderne Kulturentwicklung aber, besonders der starke
soziale Zug unserer Zeit und die jetzt immer mehr sich verbreitende
Erkenntnis, da gewisse Nte unseres Volkes nur durch groangelegte
Erziehungsmanahmen beseitigt werden knnen, _macht eine Vereinigung
pdagogischer und sozialer Arbeit_ dringend ntig. Je inniger die
Verbindung beider ist, umso reicher werden sich beide Teile gegenseitig
befruchten. Darum mssen schon whrend der Ausbildungszeit unserer
zuknftigen pdagogischen und sozialen Berufsarbeiterinnen so viel als
mglich Fden hinber und herber gesponnen werden. Das hatte Henriette
Goldschmidt erkannt und _erstrebt_, das will - getreu seiner Tradition -
das Sozial-pdagogische Frauenseminar der Stadt Leipzig in seiner jetzigen
Form _verwirklichen_.

Das Erbe Henriette Goldschmidts ist also nicht aufgegeben worden, _es lebt
fort_, nur in anderer, in zeitgemerer Gestalt, es lebt und wirkt fort
zum Segen unseres Volkes.






                               ANMERKUNGEN


    1 In seinen Briefen schrieb spter _Karl Jatho_ ber Dr. Goldschmidt
      an seine Eltern:






                                                  Leipzig, d. 9. 11. 1872.

      Eine ebenso angenehme wie ntzliche und belebende Bekanntschaft habe
      ich gemacht an dem hiesigen Rabbiner Dr. Goldschmidt - seine Frau
      hielt vor einigen Jahren in einer Weiberemanzipationsversammlung zu
      Kassel eine Rede, vielleicht erinnert Ihr Euch dieses Vorfalles
      noch. Er ist ein Mann von ebenso wahrem Wissen als Gemt und Herz;
      seine Religion ist die Menschenliebe, sein Glaube hlt sich an einen
      Gott, der in der Seele vorgebildet ist; im brigen unerkennbar, also
      nur demtiger Verehrung zugnglich. Daraus wird es erklrlich, da
      er ebenso teilnehmend in seiner nationalen wie in der christlichen
      Theologie jeder Konfession arbeitet und lebt, berdies aber die
      Philosophie als Mutter und Grund aller idealen Wissenschaften hoch
      schtzt und grndlich studiert hat ... Und so kamen wir in ein
      Gesprch ber den Zwiespalt der Bekenntnisse, welcher umso
      betrbender sei, je klarer sich die Einheit des rein menschlichen,
      der guten wie schlechten Eigenschaften herausstelle ...






      Leipzig, d. 21. 12. 72.

      Da ist hier mein Gnner, der Rabbiner (Dr. Goldschmidt), mit dem ich
      sehr rege und freudig verkehre, nach wie vor meine innigste Freude
      und Verehrung. Nicht einmal verlasse ich sein Haus, wo ich nicht
      eine frische Anregung zum Guten, zum Ntzlichen empfangen htte; er
      zieht alles Entgegentretende in den Ring seiner Ttigkeit, die rein
      wie lauteres Gold im Wohl und Glck der Mitmenschen ihren sich
      selbstumfassenden Abschlu findet. Dabei stehen ihm die Mittel der
      Gelehrsamkeit, der Weltkenntnis, der eindringlichen Rede zu Gebote,
      kurz, er besitzt so vielerlei, was ich mit keinem anderen Ausdruck
      zu benennen wei als einer gesunden Religiositt, die, frei von
      aller Dogmatik, nur in der Tat ihr hchstes Ziel erkennt. Wirken ist
      sein Losungswort, Menschlichkeit der Grundton seines Charakters. Er
      sucht den Himmel auf der Erde und in seinem Herzen, das im
      Bewutsein einer guten Tat den vollen Genu eines gttlichen
      Friedens empfindet ...






    2 "Vom Kindergarten zur Hochschule fr Frauen. Ein Rckblick auf die
      Anfnge der deutschen Frauenbewegung und das Erziehungswerk
      Friedrich Frbels." (Zeitschrift fr pdagogische Psychologie 1918.)

_    3 Originalgetreue Neuausgabe_ erschien im Verlag Ernst Wiegandt,
      Leipzig. _Abgenderte Neuausgabe_ (bearbeitet von Henriette
      Goldschmidt) in der Jaeger'schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig.

    4 Aufbewahrt im Archiv des Sozialpdagogischen Frauenseminars der
      Stadt Leipzig.

    5 Ich habe in meiner Schrift "_Friedrich Frbel_" II. Aufl. 1920 (Bd.
      82 der Sammlung "Aus Natur und Geisteswelt". B. G. Teubner, Leipzig)
      an der Hand zahlreicher neuer Quellen gezeigt da das
      "_Kindergartenverbot_" wahrscheinlich eine Manahme gegen die damals
      zahlreich entstandenen freien Gemeinden sein sollte. Darum darf ich
      in diesem Zusammenhang von einer nheren Darstellung jener Vorgnge
      absehen.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


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      Seite 88: "Ehestandskanditaten" gendert in "Ehestandskandidaten"





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HENRIETTE GOLDSCHMIDT. IHR LEBEN UND IHR SCHAFFEN***



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May 5, 2013

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                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


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public support and donations to carry out its mission of increasing the
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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